Cristina Zehrfeld - Freie Journalistin und Autorin
Cristina Zehrfeld - Freie Journalistin und Autorin

17. September 2019

Meine Italienischen Reisen (22)

In Goethes Aufzeichnungen findet sich kein noch so kleiner Hinweis auf Pieve. Davon habe ich mich allerdings bewusst nicht leiten lassen, denn mittlerweile hatte sich eine latente Befürchtung in mir breit gemacht, die ich hier nun mit voller Wucht bestätigt sah: Die extrem stiefmütterliche Behandlung des Gardasees durch unseren Dichterfürsten ist durch nichts zu rechtfertigen. Sowohl Goethes Aufenthaltsdauer, als auch der Umfang seiner literarischen Würdigung dieser Region spottet jeder Beschreibung. Dabei sind gerade für Pieve lyrische, sogar gewaltige Worte angebracht.
 
Sul'orlo di rupi scoscese,
e lungo precipiti forre
per dove già l'acqua discese
nei secoli senza misura
 
Mit dieser zauberhaften Poesie preist Marco Visentini  im sechsstrophigen Gedicht "Castelletto" die Einzigartigkeit dieses Fleckchens Erde, an dem die schwalbennestartige Bebauung sich weit über den felsigen Abgrund beugt, hinab in jene Schlucht, in die sich die Wassermassen seit Jahrhunderten unerschrocken und tösend stürzen. Nachzulesen sind diese Zeilen auf einer Tafel an eben jenem Castelletto, wo man auch erfährt, dass Signore Visentini diese Worte 1913 anlässlich der Eröffnung der Straße zwischen Pieve und Vesio verfasst hat. Der sechs Kilometer lange Abschnitt gehört zur "Strada della Forra" und gilt als eine der schönsten Straßen der Welt. Winston Churchill soll die Straße als achtes Weltwunder bezeichnet haben. Tatsächlich ist es ein phänomenales Bauwerk. Dass ich die Strecke zweimal hinauf und wieder hinabgefahren bin, hatte aber noch einen anderen Grund: Auf dieser Straße wurde nämlich auch jene berühmte Szene des 22. James-Bond-Filmes (Ein Quantum Trost mit Daniel Craig) gedreht, in der Agent 007 seine Verfolger in einem Aston Martin abhängt. Ich selbst bin wesentlich langsamer gefahren als Herr Bond. Das hatte den nicht unwesentlichen Vorteil, dass es bei mir weder Blechschäden noch Tote gab. 
Nun bin ich keineswegs ein großer James-Bond-Kenner. Dass mir die Filmszene so gegenwärtig ist, liegt einzig und allein an KB, der jeden Film der Serie mindestens hundert Mal gesehen und mir sämtliche Schlüsselszenen vorgeführt und überreich kommentiert hat. KB liebt James Bond. Er ist aber nicht nur ein Fan des MI6-Geheimagenten. Er liebt den Berufsstand insgesamt. Ob Agent oder Doppelagent, verdeckter Ermittler oder Kundschafter, Spion oder Spitzel spielt keine Rolle, denn KB geht es nicht um die menschliche Komponente, um Recht und Unrecht oder um die persönlichen Befindlichkeiten innerhalb dieses Milieus. Das Einzige was für KB zählt, ist der technische Vorsprung, die moderne Ausstattung und das ausgeklügelte System des Erkenntnissgewinnes. Als Computerexperte wäre KB vermutlich sogar ein Gewinn für jeden Geheimdienst, allerdings hat sein begrenzter Aktionsradius den ganz großen Durchbruch in diesem Metier bislang verhindert. Das liegt jedoch nicht an KB, sondern an den überaus ungünstigen Umständen. Wenn sich innerhalb des Aktionsradiusses von KB nämich staatsfeindliche Subjekte bewegen würden oder gesellschaftsrelevante, kriminelle Machenschaften im Gange wären, dann würde ihm das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht entgehen.
Meine Italienreise wäre für KB diesbezüglich freilich höchst unergiebig gewesen. Das dachte ich, als ich rund um die James-Bond-Raserstrecke den Tag vertrödelte. Zunächst hatte ich in Pieve dem Lavatoio (Waschhaus) einen Besuch abgestattet. In diesem unspektakulären Gebäude haben dereinst die Frauen des Ortes ihre schmutzige Wäsche gewaschen. Heute ist eine kleine Ausstellung darin untergebracht. Im Anschluss habe ich etwa einem halbes Dutzend weiterer Orte der auf einer Hochebene gelegene Gemeinde Tremosine einen Besuch abgestattet. Die Stadt erstreckt sich auf 72 Quadratkilometer und ist mit nur 2000 Einwohnern eher dünn besiedelt. Allerdings soll Tremosine über das angenehmste Klima am ganzen Gardasee verfügen, was ich (auf der zugegebenermaßen eher mageren Datenbasis meiner Rundfahrt) mit gutem Gewissen bestätigen kann. An die spektakuläre Dramatik der Bond-Szene reichen die eher stillen Schönheiten der Gegend nicht heran, das allerdings fand ich völlig in Ordnung. Es wäre ja keineswegs angemessen, auf einer Goethe-Tour einen Herzinfarkt zu erleiden. Ich bin also durch schmale Gässchen gebummelt und durch die hügelige Natur gestreift. Ich habe mir die winzigen Kirchen dieser Dörfer angeschaut, wobei mir der wunderbar melodische Name der Kirche in Villa noch einige Zeit im Kopf herumgegangen ist: La chiesa del Santissimo Sacramento. Da war es schon beinahe unvermeidlich, dass mir beim Weiterwandern gedanklich immer wieder dieses namengebende  Allerheiligste Sakrament vorm geistigen Auge erschien, also die innerhalb der römisch-katholischen Kirche übliche Gabe von Brot und Wein in der heiligen Messe. Ich sinnierte über die stets offenen Kirchen Italiens, in denen Messingleuchter, kleinere geschnitzte Figuren, Kerzen und häufig sogar Ketten mit Kreuzanhängern unbewacht und ungestohlen von der Gläubigkeit der Menschen erzählen. Und ich dachte über den verblüffenden Umstand nach, dass mich die Religion auf Reisen stets im Herzen berührt, während ich ihr im Alltag kaum einen würdigen Platz einräume. 

26. August 2019

Meine Italienischen Reisen (21)

Vier Tage war ich, wie bereits erwähnt, in Limone geblieben. Eine solche Aufenthaltsdauer erschien mir angesichts der Vielfalt, die der Ort bot, durchaus gerechtfertigt. Allerdings wurde ich bei der geplanten Abreise unversehens an jene Goethe-Worte erinnert, die der Dichterfürst den Titelhelden Faust in der berühmten Wettszene sagen lässt:
 
"Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! Du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn!"
 
Zum Glück hatte ich keine solche Wette mit Herrn Mephisto am Laufen, sonst wäre meine Seele vermutlich futsch gewesen. Trotzdem hatte ich mich offensichtlich zu lange verweilt, denn als ich starten wollte, sagte mein schönes Auto keinen Mucks. Natürlich hatte ich bereits vor Fahrtantritt gewusst, dass die Batterie meines Gefährts etwas in die Jahre gekommen war. Kälte setzte ihr inzwischen ebenso zu wie mir selbst. Nicht berücksichtigt hatte ich zudem leider, dass eine viertägige Ruhepause - und ich hatte das Auto tatsächlich nicht einen einzigen Meter bewegt - keine wirkliche Erholung für solch eine Batterie ist. Insbesondere ist sie das nicht, wenn man seinem Auto in diesen vier Tagen immer wieder längere Besuche abstattet. Wenn man die elektrischen Fensterscheiben gelegentlich hinauf und hinunter surren lässt, oder wenn man im Schein der Kofferraumbeleuchtung nach allem möglichen Krimskrams sucht. Ich hatte mich fürwahr nur lässlicher Sünden schuldig gemacht, doch manche Dinge werden eben mit aller Härte bestraft. 
Erfreulicherweise gehören Probleme mit dem Auto zu jenen Ereignissen, bei denen man immer und überall Gehör findet. Ich weckte meine Zeltnachbarn, zwei junge Männer, an deren Wagen eine Autohauswerbung prangte. Natürlich hatte ich nicht vermutet, dass die beiden kurz nach sieben Uhr morgens noch schlafen, aber nun war es für derlei Überlegungen ohnehin zu spät. Mit einer geballten Ladung Charme konnte ich die jungen Männer glücklicherweise für mich gewinnen. Nach kurzer Diskussion haben Pascal und Ruben freiwillig darauf verzichtet, mich einen Kopf kürzer zu machen. Leider waren sie nicht nur in dieser Angelegenheit auf Verzicht eingestellt: Sie hatten nämlich - ebenso wie ich - auch großzügig darauf verzichtet, ein Starterkabel ins Auto zu packen. So etwas hat eigentlich fast jeder im Auto, versicherte mir Ruben. Deshalb habe er das Starterkabel zu Hause gelassen. Da ihr Auto allerdings günstig neben meinem stand, wollten sie mir gern helfen, wenn ich ein solches Dingens aufgetrieben habe. Ich hielt die ersten gen Waschraum strebenden Campinggäste an und trug mein Begehr vor. Ein Starterkabel hatte zwar keiner, aber binnen einer Viertelstunde hatte sich ein Pulk von etwa fünf Dutzend Personen um mein Auto geschart. Die Art des Problems hatte ich mit einer offenen Motorhaube gut sichtbar demonstriert. Die Leute unterhielten sich prächtig. Ausgehend von einigen Anekdoten zu Batterieproblemen hatte sich der Gesprächsstoff allmählich verallgemeinert - hin zu Benzinpreisen, der Montage von Dachträgern und schließlich zu selbstaufblasbaren Camping-Outdoor-Sitzsäcken. Inzwischen war es Viertel vor acht. Die Rezeption war noch geschlossen, also drückte ich auf den einladenden Klingelknopf für Notfälle. Dort wurde mir unmissverständlich gesagt, dass ein nicht anspringendes Auto kein Notfall ist, und dass sich hier vor neun Uhr kein Rad dreht. 
Entgegen dieser Ankündigung ging es dann aber doch ruck-zuck und ich rollte halb neun vom Platz. Hinter mir wurde gewunken und es wurden Tücher geschwenkt. Leider habe ich diese bewegenden Szenen nicht im Bild festgehalten. Ein solches Versäumnis hätte KB nicht hätte passieren können, denn in seinem Auto befindet sich eine 360-Grad-Dashcam. Er behauptet, dass er sich das Gerät nur angeschafft habe, um im Fall eines Unfalls, bei Einbruch oder Diebstahl ein unbestechliches Beweismittel zu haben. Gegen diese Version spricht allerdings, dass er die Aufnahmen komplett speichert und Freunden und Bekannten bei jeder Gelegenheit als Kulturprogramm vorführt. Ich durfte mir auf seinem Smartphone bereits anschauen, wie eine erschrockene Katze über die Frontscheibe tschinnert und mit gesträubtem Fell und einem großen Satz in der Dunkelheit verschwindet, wie Gotthold S., ein ansonsten eher distinguiert wirkender Allgemeinmediziner, in deutlich angetrunkenem Zustand in einen Gully uriniert und wie unser Bürgerpolizist Winkler ein Knöllchen wegen verkehrswidrigen Parkens unter den Scheibenwischer von KBs SUV klemmt.
Mit einer Aufnahme meiner Abreise aus Limone hätte ich diese Clips allesamt in den Schatten stellen können. So allerdings ist mir nur die schöne Erinnerung geblieben. Pascal und Ruben hatten mir noch auf den Weg gegeben, dass ich auf jeden Fall einige Kilometer fahren soll, ehe ich den Motor abstelle. Ihre Empfehlung lautete auf zehn, zwölf Kilometer, dann hätte sich die Batterie erholt. Ich war fest entschlossen, diesem Rat buchstabengetreu Folge zu leisten. Leider war ich erst knapp neun Kilometer gefahren, als ich in Pieve einrollte. Auf dem bergigen letzten Streckenabschnitt zählte zwar sicher jeder Kilometer doppelt, aber der Schreck saß mir noch in den Knochen. Also bin ich zweimal quer durch Pieve kutschiert und schließlich auf den einladenden Parkplatz zurückgefahren, den ich gleich am Ortseingang erspäht hatte. Hier standen etliche Autos und schräg vis-a-vis war eine Autowerkstatt. Außerdem hatte ich bei meiner Rundfahrt eine nur zweihundert Meter vom Parkplatz entfernte Tankstelle entdeckt. Ich postierte mein Auto an einer extrem Starterkabel-freundlichen Stelle, atmete tief durch und schaltete den Motor ab. Inzwischen war ich ziemlich genau fünfzehn Kilometer gefahren.

10. August 2019

Meine Italienischen Reisen (20)

Wie ich gerade so von Ärzten und medizinischen Phänomenen schwadroniere, bemerke ich zu meinem großen Leidwesen, dass mir in den ersten Abschnitten meines Reiseberichtes unabsichtlich einige Bemerkungen herausgerutscht sind, die ich bei genauerer Betrachtung doch besser unterlassen hätte. Natürlich könnte ich jetzt blind darauf vertrauen, dass Sie, meine hochverehrten Leser, meine Ausführungen nicht besonders gründlich gelesen haben. Vielleicht ist Ihnen beim Überfliegen ja sogar völlig entgangen, dass ich hie und da in der Hitze des Gefechts einen Freund erwähnt habe, einen Freund dessen Namen ich aus gutem Grund nicht mehr in den Mund nehmen möchte, den ich mithin nur noch mit seinen Initialen KB benenne. Da ich nun aber nicht sicher bin, dass ich mich in dieser Sache auf Ihre Unaufmerksamkeit verlassen kann, möchte ich hier doch ganz ausdrücklich betonen, dass Sie der gelegentlichen Erwähnung dieser Person keinerlei Bedeutung beimessen müssen. Tatsächlich hat der jüngste Vorfall keinerlei Bedeutung, auch wenn mir die Geschichte naturgemäß nicht so schnell aus dem Sinn geht, weil KB just zwei Tage vor meiner Abreise in die psychiatrische Klinik eingewiesen wurde. Sie werden vielleicht verstehen, dass mich das beschäftigt. Immerhin ist er seitdem in der geschlossenen Abteilung untergebracht. Eine solche Zwangseinweisung erfolgt gewiss nicht ohne triftigen Grund. Mit mir hat diese unglückselige Sache aber ganz sicher nichts zu tun, also zumindest doch sehr wahrscheinlich nicht. Nein, es ist tatsächlich ausgeschlossen, dass ich zu KBs Einlieferung auch nur das Mindeste beigetragen habe. Auf dieser Reise will ich diese leidige Geschichte einfach nur vergessen. Deshalb gelobe ich hiermit feierlich, dass ich Sie damit nicht mehr behelligen werde. Jedenfalls werde ich mich bemühen.
 
Vier Tage habe ich in Limone zugebracht. Es gäbe also noch vieles zu berichten. Doch meinen Besuch des Zitronengewächshauses lasse ich hier ebenso unter den Tisch fallen, wie die Abstecher zur Olivenöl-Ausstellung und ins Fischereimuseum. Nicht unterschlagen möchte ich jedoch die Besucherfreundlichkeit von Limone: Es gibt in dem Ort mehrere öffentliche Toilettenanlagen (darunter an der Information und am Tourismusmuseum) und wie ich auf der Weiterreise erfahren habe, ist das selbst in sogenannten Touristenhochburgen keineswegs eine Selbstverständlichkeit. In Anbetracht des Vorhandenseins dieser so notwendigen Örtlichkeit kann ich nun freilich auch einen sozusagen entgegengesetzten Komfort völlig bedenkenlos preisen. Allgemein bekannt ist, dass man in Italien an vielen Trinkwasserbrunnen seinen Durst stillen kann. Am westlichen Teil des Gardasees allerdings haben einige Gemeinden in den Jahren 2009 bis 2011 öffentliche Trinkwasser-Zapfstellen eingerichtet, die einen besonderen Luxus bieten. Die sogenannten Punti Acqua spenden drei unterschiedliche Wasserarten, als da wären: Gassata (kohlensäurehaltiges Wasser), naturale (natürliches Wasser) und fredda (gekühltes Wasser). Im Park der Villa Boghi, dem Sitz der Stadtverwaltung von Limone, habe ich erstmals solch einen Punto aqua entdeckt. Auf meiner Reise bin ich noch weiteren, baugleichen Luxuswasserstellen vorbeigekommen. Trotzdem kann ich Limone mit Fug und Recht herausheben. Der hier befindliche Punto aqua war der einzige seiner Art, der auch tatsächlich funktionierte. Zum Glück habe ich das zu schätzen gewusst und mir an diesem schönen Ort einen klitzekleinen Wasserbauch angetrunken.
Druckversion Druckversion | Sitemap
© Cristina Zehrfeld