Cristina Zehrfeld - Freie Journalistin und Autorin
Cristina Zehrfeld - Freie Journalistin und Autorin

25. April 2019

Meine Italienischen Reisen (13)

Um zehn Uhr rollte ich in Molina ein. Der Touristenführer empfiehlt für diesen Ort den Besuch des Pfahlbaumuseums (Museo delle Palafitte). Das befindet sich direkt am See, und natürlich gibt es da auch Parkplätze. Um allerdings den Charakter eines Ortes zu erforschen, ist die Kirche viel besser als Startpunkt geeignet. Außerdem ist eine Kirche ein markantes Gebäude, was die Chance, das eigene Auto in angemessener Zeit wiederzufinden, deutlich erhöht. Mit dieser Sicherheit begab ich mich auf eine Runde durch den Ort und schließlich zum See. 
Die Größe des Ledrosees ist perfekt geeignet, um einer meiner großen Leidenschaften zu frönen. Ich bin nämlich ein begeisterter See-Umrunder. Der Tenno zählt in dieser Hinsicht nur halb, denn das ist ein winziger Bergsee, den man mit einem Blick überschauen kann. Da man dort immer fast direkt am Wasser entlanglaufen kann, benötigt man für die Umrundung kaum eine halbe Stunde. 
Am Lago di Ledro hingegen liegen mehrere Ortschaften, was man von Molina aus eher ahnen als sehen kann. Ich lief also entgegen des Uhrzeigersinns los, was insofern günstig war, weil ich den weniger schönen Teil der Strecke, auf dem man direkt an der Straße entlanglaufen muss, gleich zu anfangs passierte. Mit Erreichen der Ortschaft Pur wurde es schlagartig deutlich gemütlicher. Hier gibt es ein bisschen Strandflair und etliche Ferienhäuser. Ich kam auch an einer Pizzeria vorbei, allerdings war es zum Einkehren noch zu früh. Also ging es weiter über Val Maria-pur nach Pieve, was von Molina aus gesehen am entgegengesetzten Ufer des Ledrosees liegt. Hier entdeckte ich Campingplätze, auf denen sich etliche Urlauber eingerichtet hatten, als wollten sie hier die nächsten Jahre, mindestens aber die nächsten Monate verbringen. Die Altstadt überraschte mich mit einem kleinen Historienpfad. Ich entdeckte etwa zwei Dutzend Tafeln mit kurzen Texten und historischen Fotos zu interessanten Gebäuden in den Gässchen. Mir gefiel das Örtchen so gut, dass ich hier auch gleich noch in die Osteria La Torre einkehrte. Hier tauchte ich ins stimmungsvolle Ambiente eines alten Kellergewölbes ein und bestellte eine Pizza. Seit der ungenutzt am Wegesrand liegengelassenen Pizzeria in Pur war ich geschmacklich darauf eingestellt, und im Prinzip war auch alles wunderbar: Ich konnte meine überschaubaren Italienisch-Kenntnissen schonungslos an der Bedienung auslassen, ohne dass das deren Freundlichkeit geschmälert hätte. Die Pizza war lecker, der Platz gemütlich. Allerdings bin ich bei der Tischwahl unvorsichtig gewesen: Wie ich erst nach dem Bestellen bemerkte, saß ich an Tisch Nummer 13. Normalerweise würde ich mir nichts weiter dabei gedacht haben, denn Aberglaube ich ja etwas für Leute, die sich das Leben schwer machen. Es ist mithin immer ein großes Thema für Kurt-Benedict gewesen, der jeden Tisch mit der Nummer 13 schon von der Türe aus erspäht und sich nicht einmal in die Nähe davon gesetzt hätte. Ich fand das immer affig, allerdings will ich natürlich nicht ausschließen, dass es Zufälle gibt, die einen schnell an Übernatürliches denken lassen. Kaum hatte ich jedenfalls das Lokal verlassen, sprang ohne mein Zutun der Regenschirm auf. Dabei hat sich der rot-weiß gestreifte Bezug an einer Stelle von einer Stange losgerissen. Ich war nicht willens, es auf meine Tischwahl zu schieben, sondern suchte und fand das Positive an diesem Missgeschick: Wenigstens war der Stoff nicht eingerissen, sondern nur der Zwirn, mit dem der Bezug am Gestell festgenäht war. Aber so oder so: Mein bislang wichtigstes Reiseutensil war beschädigt. Kurt-Benedict hätte einen derart beschädigten Schirm in den nächsten Papierkorb gestopft und einen neuen gekauft. Ich ärgerte mich über diese Überlegungen, denn ich wollte keinen Gedanken an  Kurt-Benedict verschwenden auf dieser Reise. Was passiert war, war passiert, und das hatte nichts mit mir zu tun. Einen Schirm wegen eines gerissenen Fädchens in den Müll zu werfen, war jedenfalls unsinnige Verschwendung, noch dazu eine Verschwendung, die sich Beni nie wirklich hat leisten können. Die Verschwendungssucht hatte er sich allerdings von der heiligen Aurora abgeschaut, die meint, dass so etwas weltmännisch sei. In der Beziehung bin ich dann doch lieber der hinterwäldlerische, kleinliche Pfennigfuchser. Ich finde nämlich, dass auch kaputte Dinge ihre Daseinsberechtigung haben, ein Recht sogar auf Reparatur. Deshalb bin ein notorischer Kaufverweigerer. Vermutlich wäre es besser, das gar nicht so hinauszuposaunen, weil eine solche Haltung einer boomenden Wirtschaft abträglich ist. Tatsächlich rechne ich schon seit längerem damit, dass das Reparieren von Dingen verboten wird. Ich bin mir jedenfalls ziemlich sicher, dass es nicht mehr lange dauert, bis renitente Kaufverweigerung zum Straftatbestand erklärt und mit aller Härte verfolgt wird. Ich allerdings habe trotz all dieser Einsichten meinen Schirm nicht dem Papierkorb übereignet, sondern ihn unter den Arm geklemmt, um ihn später zu flicken. Tatsächlich war er zwei Stunden später wieder in Ordnung, denn zurück am Auto war es meine erste Amtshandlung, Mein Reisenähzeug zu suchen und den Schaden mit sieben Stichen zu beheben. 
Für den Moment allerdings befand ich mich vom regensicheren Auto noch fünf Kilometer entfernt, und der Himmel sah aus, als ob er mit den Regenschirmproduzenten unter einer Decke steckt. Allerdings wollte ich mich nicht vor der Zeit geschlagen geben. Ich stiefelte also weiter, was mir auf den folgenden Kilometern auch große Freude bereitete, weil neben der SS 240, direkt am See, ein Fußweg verläuft. Der Himmel hat seine Lobbyarbeit zum Glück nicht ernsthaft verfolgt, so dass ich mir im Supermarkt von Mezzolago keinen Regenschirm, sondern das Buch "Uno, nessuno e centomila" (Einer, keiner und hunderttausend) von Luigi Pirandello gekauft habe. Ich würde nun gern behaupten, dass ich deshalb zugegriffen habe, weil das Buch ein Klassiker, und Pirandello Nobelpreisträger ist. Um allerdings bei der Wahrheit zu bleiben: Es war eine Offerta, also ein Angebot. In der Ramschkiste hat das Werk nur 4,90 statt der ursprünglich 7,90 Euro gekostet, obwohl es Eins-a-in-Ordnung war. Der Anlass des Kaufes war also die reine Schnäppchenjagd.

16. April 2019

Meine Italienischen Reisen (12)

Während ich nun ungestüm gen Riva sauste, empfand ich es als einen großen Segen, dass ich in einer extrem unwirtlichen Gegend zu Hause bin. Von meiner Heimat pflegt man zu sagen: Wir haben sieben Monate Winter und fünf Monate schlechtes Wetter. Dank dieses wenig erfreulichen Umstandes legen wir größten Wert auf beheizbare Fortbewegungsmittel. In alten Zeiten waren die Fuhrwerke unserer fliegenden Händler mit kleinen, offenen Feuerstellen auf der Heckseite ausgerüstet. Später haben unsere abenteuerlichen Standheizungen für den Trabcedes (eine inzwischen fast vergessene Nobelkarosse)  Weltruf erlangt. Seit die Sitzheizung sich als Serienausstattung von Kraftfahrzeugen durchgesetzt hat, ist die Zahl der Kälteopfer in meiner Heimat dann endlich deutlich zurückgegangen. 
Leider ist die Sitzheizung allerdings noch immer fest im Auto verbaut, anstatt (wie es sinnvoll wäre) direkt am Körper getragen zu werden. Während nämlich die Fahrt nach Riva an sich eine sehr erfreuliche Angelegenheit war, wurde es nach der Ankunft weit weniger ergötzlich. Zuerst konnte ich nirgends einen Parkplatz ergattern, so dass ich mich unversehens am Piazza Catena wiederfand. Der dortige Parkplatz befindet sich direkt am Gardasee, und entlang der Promenade sind es nur 300 Meter bis ins Stadtzentrum. Dann stieg ich aus. Ein Fehler unzweifelhaft. Es nieselte. Es war kalt. Und die Stadt war quasi ausgestorben. Ich fragte mich, wer eigentlich die Parkplätze des Ortes mit den vielen Autos zugestellt hatte. Außerdem fragte ich mich, wie um alles in der Welt der Wiener Arzt Christoph von Hartungen um 1900 auf die Idee kommen konnte, an solch einem Ort ein Sanatorium zu eröffnen. Nun ja, 25 später waren offenbar alle wagemutigen Patienten gestorben. Jedenfalls hat das Sanatorium seine Pforten für immer geschlossen.
Ich absolvierte eine Pflichtrunde durch die Stadt, fotografierte den Hafen und den nicht ganz lotrechten Torre Apponale. Außerdem habe ich die Barockstatue des San Giovanni Nepomuceno abgelichtet, denn der ist der Schutzheilige der Gewässer und mithin am besten geeignet, die wesentlichen Eindrücke dieses Zwischenstopps adäquat widerzuspiegeln. Nachdem das vollbracht war, bin ich zur Sitzheizung meines Autos zurückgeeilt und habe überlegt, wie weiter zu verfahren sei. Offenkundig war der Gardasee mir nicht gewogen. Trotzig beschloss ich, dieses ungebührliche Verhalten mit gleicher Münze heimzuzahlen: Ich kehrte dem See also den Rücken und lief zur Konkurrenz über, indem ich mit eingeschalteter Sitzheizung dem Lago di Ledro zustrebte.

29. März 2019

Meine Italienischen Reisen (11)

Wenig später traf ich auf das grüne Cape, welche sich inzwischen häuslich am Ufer eingerichtet hatte. Wider besseres Wissen schmetterte ich ihm ein freundliches "Buon Giorno" entgegen. Das Cape drehte sich um und erwiderte meinen Gruß mit einem munteren "Ciao". Für einen Moment war ich ob dieser unerwarteten Freundlichkeit sprachlos, denn in meiner Heimat fällt das Ansprechen eines in Aktion befindlichen Anglers in die Rubrik "Todsünde". Ich weiß das, weil mein Freund Kurt-Benedict ein geradezu fanatischer Petrijünger ist. Wobei laut Kurt-Benedict das laute Grüßen nur die Spitze des Barbarei-Eisbergs an jedem Fischteich darstellt. Laut Kurt-Benedict ist jedes Geräusch verboten, sobald man am Horizont einen Angler erspäht. Der Anstand gebietet zudem, sich weder ruckartig bewegen noch fest auftreten. Letzteres wegen der Oszillation, also den sich in der Erdoberfläche ausbreitenden Schwingungen, die zu Vibrationen im Wasser und damit unmittelbar zur Flucht etwaiger Beutetiere führen könnte. Laut Kurt-Benedict gehören derlei Kenntnisse zum Allgemeinwissen. Das Cape allerdings schien von den Kurt-Benedict'schen Naturgesetzen noch nichts gehört zu haben. Schon allein daran hätte ich sicher erkennen können, dass ich keinen deutschen Touristen vor mir hatte, doch endgültige Sicherheit gab mir der Schwall der Erwiderung, welcher sich dem aufgeschlossenen "Ciao" des Capes anschloss. Zu den wenigen Wortfetzen, die mein ungeübtes Ohr aus dem landessprachlichen Erguss herausfilterte, gehörten "un giorno eccellente" (ein großartiger Tag), "bello tempo" (gutes Wetter) und "Trota iridea" (Regenbogenforelle). Ich meine auch das Wort anguille (Aale) vernommen zu haben. Dies gebe ich aber unter Vorbehalt wider, denn ich weiß, wie verstörend sensibel Beni, also mein Freund Kurt-Benedict, auf ungenau recherchierten Besatz in Fischgewässern zu reagieren vermag. 
Ich verabschiedete mich mit einem "Buona pesca", dem italienischen Pendant des deutschen "Petri Heil". Während des restlichen Rundgangs schaute ich immer wieder ins Wasser und war mir schnell sicher, dass das Cape meiner guten Wünsche kaum bedurfte, denn in Ufernähe trieben sich jede Menge Fische herum

22. März 2019

Meine Italienischen Reisen (10)

"Die innigsten Verbindungen folgen eigentlich nur aus dem Entgegengesetzten", meinte einst Herr von Goethe. Und so ist es nur selbstverständlich, dass ich der tosenden Wildnis des Wasserfalls ein möglichst stilles Gewässer entgegensetzen musste, ehe ich die von meinen Artgenossen so hochgeschätzte Klinikstadt Riva aufsuchen konnte.
Ich fuhr also ein Viertelstündchen gen Tenno. Es war bereits Abend, so dass ich entschied, hier zu übernachten. Das mittelalterliche Dorf Canale di Tenno rechtfertigt mit seinen Gässchen, Bogengängen, den winzigen Häuschen und Innenhöfe aus dem 13. Jahrhundert einen Stopp schon hinreichend. Allerdings habe ich darüber hinaus zufällig auch noch einen Botanischen Weg gefunden, der, wie ich mit Bewunderung feststellte, seinen Namen mit kaum zu übertreffender Berechtigung führt. Auf den ersten Metern war das noch nicht offenkundig. Doch kaum hatte ich die letzten abgelegenen Gehöfte hinter mir gelassen, wurde der Weg zu einem wahrhaft botanischen Pfad, dem zu folgen mir nur mit der Intuition des geborenen Pfadfinders gelang. Das Grün des Weges reichte bis an meine Knie, links und rechts davon erreichten die Gräser Hüfthöhe. Die Büsche beugten sich von allen Seiten zu mir herab, um mir die Stirn zu küssen. Verwitterte Wegweiser und bemooste Themenschilder versicherten mir nachdrücklich, dass ich mich in einer ausgewiesenen Urlauberhochburg befand und mich keinesfalls in den unwirtlichen Tiefen der Dolomiten verlaufen hatte. Dennoch fragte ich mich besorgt, ob sich mein Verzicht auf ein professionelles Outdoor Survival Set heute bitter rächen würde. Tatsächlich hatte ich kaum mehr als eine kärgliche Wasserflasche für diesen Abenteuertrip in meinen Rucksack gepackt. Zum Glück allerdings zeichnen sich  Botanische Rundwege in aller Regel durch ihre überschaubare Länge aus. Mit dem letzten düsteren Dämmerlicht des Abends bin ich gerade noch rechtzeitig auf die menschlichen Behausungen des Ortes gestoßen. Der Ort Tenno wird für mich dennoch in ewiger Erinnerung bleiben, als jeder Flecken Erde, an dem mir bewusst geworden ist, wie nahe manchmal überlaufener Touristenmagnet und unentdeckte Idylle beieinander liegen.
 
In aller Herrgottsfrühe bin ich gen Tennosee aufgebrochen, denn entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten, befällt mich auf Reisen bereits mit dem sanften Entschwinden der Nacht eine mir sonst völlig fremde Unruhe. Es ist geradezu, als säuselte mir Goethe ständig ins Ohr "Jeder Augenblick ist von unendlichem Wert". Gerade an diesem Morgen war dieses Säuseln eine ziemliche Unverschämtheit, denn der Himmel war wolkenverhangen und das Thermometer zeigte nur kümmerliche acht Grad Celsius an. Daheim wäre mir das Grund genug gewesen, dem Bett bis Mittag die Treue zu halten.
So allerdings hatte ich bereits acht Uhr morgens den vereinsamten Parkplatz des Sees erreicht. Ich durfte mir den besten der rund hundert freien Parkplätze auszuwählen, was an sich nicht schlecht ist. Wenn man allerdings das erste und vorerst einzige Auto an einem solchen Platz abstellt, kommt unwillkürlich das ungute Gefühl auf, man sei an einem extrem unspektakulären Ort, für den sich, drastisch gesagt, keine Sau interessiert. 
Eine lange Treppe führte an den Lago di Tenno hinab, der in diesem Moment tatsächlich malerisch und verlassen dalag. Pflichtbewusst lichtete ich den Bergsee mit den sich darin spiegelnden Wolken und Bergen ab. Dann brach ich zu einer See-Umrundung auf. Ich war kaum fünf Minuten unterwegs, als es anfing zu nieseln. Damit war ein wesentlicher Aspekt der viel gepriesenen, einzigartigen Schönheit des Tenno passé. Die tausenden Tröpfchen verwandelten die 45 Hektar Wasserfläche in eine überdimensionale Pfütze. Der Tenno wirkte wie ein gottverlassener, weil komplett überschwemmter Parkplatz. Absolut gar nichts spiegelte sich in dieser Wasserlache und ganz gewiss durfte man annehmen, dass man es mit ein paar gewagten Sprüngen bis ans gegenüberliegende Ufer schaffen konnte, wenn man sich nicht vor nassen Knöcheln scheute.
Ich schaute zurück und sah vis-a-vis ein schwer beladenes, dunkelgrünes Regencape in entgegengesetzter Richtung am Wasser entlang stapfen. Es war kein Hingucker. Mich amüsierte die Vorstellung, dass ich in meinem lilafarbenen Allwetteranorak ein ähnlich trostloses Bild abgab. Unternehmungslustig watete ich weiter auf dem zunehmend glitschigen Weg, denn völlig unerwartet hatte sich der Reiz der Einzigartigkeit in diese hochgradig urlaubsuntypische Szenerie geschlichen.
Ich querte den Rio Secco und holte mir, wie der Name "Trockener Bach" schon verheißt, nicht einmal nasse Füße. Allerdings war das mitnichten auf die Wassermenge und Qualität dieses Tenno-Zuflusses zurückzuführen. Ganz im Gegenteil war es einzig und allein der Elastizität und Sprungkraft meiner leistungsfähigen Achillesfersen zu verdanken.
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© Cristina Zehrfeld