Cristina Zehrfeld - Freie Journalistin und Autorin
Cristina Zehrfeld - Freie Journalistin und Autorin

nächste Autorenlesung:

Die Maestro-Carl-Reihe - Schräg, hanebüchen und doch wahr (Eine Lesung über Matthias Eisenberg)

 

Wann: Freitag, 18. Januar 2019, 19:00
Wo: Schloss Prietitz, Am Park, Elstra, Ortsteil Prietitz, Sachsen

 

Bewundert und verehrt als Gewandhausorganist, diffamiert, abgeschrieben und fast vergessen nach seiner "Republikflucht". Die erste und bislang einzige Biografie über Matthias Eisenberg ist schräg und hanebüchen wie das Leben dieses Genies. In prägnanten, kurzen Storys gibt die Autorin umfassende Einblicke in dieses besondere Leben, in diese filmreife Tragikomödie. Ob selbstherrliche Orgelumbauten in der Kindheit, extravagantes Auftreten in der Jugend oder ungehobeltes Benehmen als Erwachsener - diese Buchreihe greift alle Facetten dieses Originals, dieses Nonkonformisten auf. Der Erzählstil ist dabei von so heiterer Leichtigkeit, er wird von so großer Empathie getragen, dass diese Buchreihe nicht nur für Freunde und Bewunderer des Protagonisten, sondern auch für seine Widersacher oder gar Feinde höchstes Vergnügen verspricht.

 

13. Januar 2019

Meine Italienischen Reisen (2)

Nachdem sämtliches Gepäck glücklich verstaut war, bin ich also frohgemut in meinen kleinen Volkswagen gestiegen, der ohne Frage ein durch und durch zeitgemäßes Pendant zu Goethes Postkutsche darstellt. Weil ich allerdings meine Mission von der ersten Sekunde an sehr ernst genommen habe, wollte ich zumindest die ersten fünf Kilometer bis zur Autobahnauffahrt in der Originalgeschwindigkeit einer Postkutsche zurücklegen. Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass man zu Goethes Zeiten doch immerhin bereits mit etwa sieben Kilometer pro Stunde dahinbrauste. Weil mein Auto so langsam leider gar nicht fährt, musste ich doppelt so schnell loseilen. Das war trotz der späten Stunde kein leichtes Unterfangen. Der Gasthof "Zum goldenen Wipfel" hatte gerade zugemacht. Die letzten Gäste schwankten die drei Stufen herunter, grüßten mit weit ausladenden Gesten und starrten schließlich meinem Wagen hinterher. Der alte Meierbeer zeigte mir noch einen Vogel, weil er den tieferen Sinn meiner Postkutschengeschwindigkeit nicht durchschaute. Zwei Kilometer weiter hoffte die Polizei offenbar auf Alkoholsünder. Jedenfalls hielten die Beamten mich an, ließen sich die Papiere zeigen und nötigten mich dazu, in einen Alkomaten zu pusten. Die anschließende Frage nach meiner ungewöhnlich niedrigen Fahrgeschwindigkeit beantwortete ich wahrheitsgemäß und mit größter Ernsthaftigkeit. Das wurde allerdings nicht honoriert. Im Gegenteil. Einer der Beamten fragte mich ebenso ernsthaft: "Was haben Sie genommen - Ketamin, LSD oder Hawaiianische Holzrose?" Während ich die Beamten mühsam davon überzeugte, dass wirklich kein Grund zur Besorgnis besteht, passierten zwei Autos unbehelligt die Polizeikontrolle. In dem einen saß Meierbeer, im anderen seine Saufkumpane. Ich seufzte und verbuchte meinen ungeplanten Zwischenstopp als erste gute Tat meiner Reise. Zehn Minuten später durfte ich weiterfahren. Allerdings musste ich den Beamten versprechen, dass ich keine weiteren Experimente mit der Goeth’schen Reisegeschwindigkeit unternehme. 
Entsprechend zügig bin ich vorangekommen. Auf meinem Weg gen Süden habe ich das Stift Waldsassen in stürmischer Fahrt links liegen gelassen, ich habe Regensburg und München eilends passiert, und ehe ich mich recht versah, war ich am Brenner. Zu meiner Überraschung habe ich dort jedoch keineswegs den von meinem Vorbild gerühmten Ruhepunkt ausmachen können. Das mag daran gelegen haben, dass ich nicht die alte Passstraße mit diesem Namen genutzt habe, sondern die Brennerautobahn. Auf dieser kommt man schließlich sehr viel zügiger voran. Für Menschen wie mich allerdings, für Menschen also, die in der Provinz leben und nicht alle Tage solche imposanten Hauptverkehrsadern passieren, ist es auch eine Herausforderung. Bei der Mautstelle Schönberg mündet die Straße nämlich in ein unüberschaubar breites Asphaltplateau von der Größe eines internationalen Flughafens. Wenn man wie ich des nachts hier einschwebt, ist dieser Vergleich besonders naheliegend, denn der unbedarfte Autofahrer steuert auf eine vielfarbige, leuchtende und blinkende Lichterkette zu. Erst beim Näherkommen stellte ich erleichtert fest: Nein, es ist keine Start- und Landebahn für Airbusse und Boeings. Ich hatte mich also nicht verfahren. Die bis dahin recht übersichtliche Autobahn teilte sich lediglich in dutzende Spuren, welche jede auf eine Mautschleuse zuläuft. Normalerweise würde ich hier instinktiv der Autobahnweisheit einer durchschnittlichen, schwäbischen Hausfrau gefolgt sein, die da lautet: "Wenn du unsicher bist, dann halte dich am besten ganz rechts." Wenn man allerdings auf Goethes Spuren wandeln will, so habe ich mir gesagt, sollte man sich nicht zu klein machen. In diesem speziellen Fall war das ein reines Glück, denn an so einer Mautpassage ist übertriebene Vorsicht fehl am Platze. Ganz rechts befinden sich nämlich die Abfertigungsspuren für Schwergewichte wie Busse, LKWs, Gigaliner und Supermegagigaliner. Fahrer kleiner Volkswagen hingegen müssen mit einer ernsthaften Verwarnung zuzüglich Bußgeldbescheid rechnen, wenn sie sich in eine solche Spur einfädeln. Zum Glück war morgens halb vier Uhr so wenig Betrieb, dass ich die großzügige Zahl von Verkehrs-, Warn- und Hinweisschildern gerade noch rechtzeitig so weit überfliegen konnte, dass ich am Ende irgendwie auf einer richtigen Spur gelandet bin. Mein Herz schlug mir bis zum Halse, als ich mein Geld ins Kontrollhäuschen reichte. Ich habe vor Aufregung kaum das Gaspedal gefunden, als sich die Schranke vor mir hob. Dafür bin ich dann aber vor Schreck mit quietschenden Reifen losgestoben, als sei der Leibhaftige hinter mir her. Einen solchen Adrenalinschub für schlappe 9,50 Euro Brennermaut habe ich als echtes Schnäppchen empfunden. Ich brauste also in größter Euphorie an Matrei, Steinach und Gries vorbei, denn es ist ja nicht einzusehen, dass man seine Zeit in Österreich vertrödelt, wenn man doch eine Italienische Reise zu unternehmen gedenkt.

6. Januar 2019

Meine Italienischen Reisen (1)

In einem Rundschreiben hatte ich vor zwei Monaten alle meine Freunde und Bekannten, vor allem aber alle meine Auftraggeber und Geschäftspartner darüber informiert, dass ich von Mitte bis Ende Mai im Urlaub bin. Inzwischen war Mitte Mai. Mein Reisegepäck stand im Flur, die Abwesenheitsnotiz war geschrieben und würde für die nächsten 14 Tage jeden E-Mail-Schreiber auf später vertrösten. Im Kühlschrank harrten zehn in Butterbrotpapier gewickelte Doppelschnitten. Sie sollten ganz zum Schluss zuoberst in jene Tasche mit dem Reiseproviant gepackt werden, in der sich bereits sechs Äpfel, vier Bananen, eine Packung Kekse, mehrere Schokoriegel und ein paar Hustenbonbons befanden. Gerade kochte ich noch vier Eier als Notration für etwaige Versorgungsengpässe. Der Aufbruch stand also unmittelbar bevor. Nur ein einziges, winziges Problem gab es noch: Ich hatte keine Ahnung, wohin die Reise gehen sollte. Irgendwie hatte ich es versäumt, mir vorab eine brauchbare Route zusammenzustellen. Das klingt jetzt vielleicht etwas dramatischer, als es ist. Ein grob abgestecktes Ziel hatte ich durchaus. Auf jeden Fall sollte es nach Italien gehen. Aber wenn es dann ernst wird, ist so eine Definition eben doch etwas schwammig.
Ich beobachte den Sekundenzeiger der Wanduhr, um bloß das Abschrecken der Eier nicht zu verpassen. Drei Minuten und keine Sekunde länger. Die Dotter sollten schließlich nicht grün werden und bröseln. Die zweite Minute war gerade abgelaufen. Ich warf einen Blick durch den Glasdeckel des Eiertopfes und freute mich, dass keins der Eier geplatzt war. Vier Eier, dachte ich, das ist ja wie Ostern. Und bei Ostern dachte ich an Goethe, weil der ja angeblich das Ostereiersuchen erfunden haben soll. Also jedenfalls hat er anno 1777 zum ersten Mal zu Ostern Eier in seinem Garten versteckt und die Kinder von Wieland, Herder und Frau von Stein
zu deren Suchen eingeladen. Naja, wers glaubt. Am Ende wird eben alles den großen Leuten angedichtet.
Ich schaute auf die Uhr. Noch eine halbe Minute. Goethe, dachte ich, wo war der nochmal auf seiner Italienischen Reise. Abgesehen von Malcesine und Rom fiel mir dazu im Moment nichts ein, aber ich hatte dafür auch keine Zeit mehr ... drei, zwei eins und los gings. In Windeseile fischelte ich die Eier aus dem Topf und ließ sie in einen zweiten Topf mit kaltem Wasser gleiten. Geschafft. Ich schwenkte die Eier noch ein wenig im Wasser und trocknete sie schließlich ab. Danach ging ich zu jenem Bücherschrank, in dem sich unter anderem ein sehr dekorativer "anderthalber Meter Goethe" befindet. Offensichtlich hatte ich lange nicht in der Gesamtausgabe mit den Werken unseres Herrn Dichterfürsten gestöbert. Jedenfalls wusste ich nicht, in welchem der Bücher sich die Italienische Reise befand. Im achten Band wurde ich fündig. Ich überflog die ersten Seiten und dankte dem weisen Ratgeber Zufall für eine geniale Eingebung: Ich würde Goethes Italienische Reise zum Leitfaden meiner eigenen Reise machen. 
Dieser kühne Entschluss brachte mich nun freilich in die Bredouille, noch ehe es überhaupt losgegangen war. Goethe hatte zu seinem eigenen Reisestart folgende berühmten Worte notiert: "Den dritten September früh drei Uhr stahl ich mich aus Karlsbad, weil man mich sonst nicht fortgelassen hätte." Diesem klassischen Aufbruch konnte ich unmöglich buchstabengetreu folgen, denn Karlsbad wäre ein durch und durch nutzloser Umweg gewesen. Außerdem war, wie schon erwähnt, Mai. Immerhin hätte ich noch fünf Stunden warten können, doch ein Aufbruch morgens um drei wäre eine große Dummheit gewesen, weil ich dann im Morgengrauen bei München just in den schlimmsten Berufsverkehr geraten wäre. Deshalb hatte ich den Start ja auf 23 Uhr anberaumt. In einer Stunde also wollte ich vom Hof rollen. Völlig unmöglich allerdings war der letzte Punkt: So auf die Schnelle konnte ich wirklich niemanden auftreiben, der mich nicht hätte fortlassen wollen.
Zum Glück kam ich sehr schnell mit mir überein, dass es ganz im Sinne Goethes ist, wenn ich mir in Bezug auf derartige Details der Reise gewisse Freiheiten zugestehe. Mit einer exakten Rekonstruktion des Reiseverlaufes aus dem Jahre 1786 würde ich dem freiheitsliebenden, fortschrittlichen und kreativen Goethe gewiss nicht gerecht werden. Sofort hatte ich einen Leitspruch parat, der mein zeitgemäßes Vorgehen legitimierte: "Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers." Diese Weisheit geht ganz gewiss auf Goethe zurück, wenngleich sie erstaunlicherweise auch Konfuzius, Thomas Morus, Gustav Mahler, Papst Johannes XXIII. und einem weiteren halben Dutzend berühmter Leute zugeschrieben wird.

2. Januar 2019

 

 

Die Maestro-Carl-Reihe ist abgeschlossen. Das alte Jahr ist auch vorbei. Zeit also für gute Vorsätze und neue Projekte. Bei mir bedeutet das: Endlich wieder mal ein großes Thema neben der täglichen Arbeit als Lokalreporter. Allerdings sollte es etwas sein, das mich genauso fasziniert, wie der gute alte Maestro das stets getan hat.

Also Ring frei für ein Thema, mit dem ich schon lange liebäugle: Meine italienischen Reisen.

 

Hin und wieder soll etwas davon auf dieser Seite zu lesen sein. Huuch, das klingt ja jetzt schon nach einem richtig guten Vorsatz, nach so einem, der binnen vier Wochen vergessen ist. Aber okay: Warten wirs mal ab. Vorerst wünsche ich Ihnen jedenfalls einen guten Start ins Jahr 2019.

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© Cristina Zehrfeld