Cristina Zehrfeld - Freie Journalistin und Autorin
Cristina Zehrfeld - Freie Journalistin und Autorin

22. Oktober 2019

Meine Italienischen Reisen (24)

Weiter ging es nun geschwinde nach Gargnano. Das klingt möglicherweise unspektakulärm, war für mich aber mit einer grundlegenden Entscheidung verbunden: Ich hatte die Modifikation der Goethschen Reiserroute nun endgültig beschlossen, denn inzwischen durfte ich doch mit Sicherheit davon ausgehen, dass mein touristischer Leitstern in Anbetracht der aktuellen Gegebenheiten die Westumfahrung des Sees ohne zu zögern in Angriff genommen hätte. Dass er es dereinst nicht getan hat, lag ja ausschließlich daran, dass die Gardesana, also die Straße rund um den Gardasee, anno 1786 noch nicht gebaut war. Das für Goethe unbestreitbar bestehende Hinderniss für diese optimale Reiseroute war inzwischen (um es juristisch einwandfrei auszudrücken) vollständig in Wegfall geraten. Meine eigenmächtige Abweichung ist also ganz im Sinne von Johann Wolfgang. Die letzten diesbezügliche Zweifel haben sich restlos zerstreut, als ich aus dringendem Anlass im Tourismusbüro nach einer gewissen Gelegenheit fragte und mir bescheinigt wurde: "Non c'e un gabinetto pubblico qui." Sofort kam mir eine Episode in den Sinn, die Goethe am 12. September 1786 in Rovereto notiert hat, und die ich immer für eine schamlose Übertreibun gehalten hatte. Er hatte geschrieben, "... drittens fehlt eine höchst nöthige Bequemlichkeit, so daß man dem Naturzustande hier ziemlich nahe kommt. Als ich den Hausknecht nach einer gewissen Gelegenheit fragte, deutete er in den Hof hinunter; 'Qui abasso pou servirsi!' Ich fragte 'Dove?' - 'Da per tutto, dove vuol!' (sinngemäß: Da unten können Sie das verrichten. - Wo? - Überall, wo sie wollen.)

An eine solch zwanglose Vorgehensweise war in meinem Fall leider nicht zu denken, denn die Zahl der Touristen hat sich seit Goethe doch spürbar vergrößert. Ich hatte folglich nur eine Möglichkeit, ein größeres Unglück zu vermeiden: Um mein Problem zu lösen musste ich die Voraussetzung für künftige Probleme schaffen. Sprich: Ich bin in ein Ristorante gegangen und habe eine mittelgroße Bestellung aufgegeben. 

 
Beim Bummel durch Gargnano habe ich mir nun etliche protzige Gebäude angeschaut. Der Palazzo Feltrinelli an der Piazza Vittorio Veneto wäre sicher der Erwähnung wert. Das als privates Wohnhaus von Giuseppe Feltrinelli erbaute Gebäude ist nicht nur architektonisch eindrucksvoll. Es atmet auch Historie, insofern es 1943 von der faschistischen Regierung beschlagnahmt und zum Hauptquartier von Benito Mussolini umfunktioniert wurde. Ich könnte auch über die 1289 von Franziskanermönchen gebaute Kirche San Francesco schwätzen, an der man nicht nur den sehenswerten Kreuzgang des alten Franziskanerklosters bewundern kann, sondern an dessen Außenfassade eine riesige Badewanne zu bewundern ist. Der Aufschrift nach hat diese allerdings im Jahre 1302 zweckentfremdet als Sarkophag von Argilo da Gargnano Verwendung gefunden hat. Es wäre auch freilich ein hübscher Zeitvertreib, mit lockerer Feder meinen Bummel entlang des hübschen Hafens und der Uferpromenade zu einem literarischen Großereignis aufzubauschen.
Da ich aber zum Glück die alleinige Entscheidungsgewalt darüber habe, was wichtig ist, weise ich Sie an dieser Stelle lieber auf ein wenig ansehnliches Gebäude an der Via Coletta hin. Die Fassade des in schmutzigem Ockergelb gehaltenen Hauses erhält durch die vier schlichten, braunen Fensterläden der Fassade keineswegs eine optische Aufwertung. Dafür allerdings kann der schmucklose Kasten damit punkten, dass der Verfasser des Romans „Lady Chatterleys Liebhaber“ zwischen September 1912 und März 1913 ein möblierten Appartement im ersten Stock dieser Villa bewohnt hat. Natürlich hat er es nicht allein bewohnt, wie sich leicht denken lässt. David Herbert Lawrence (1885 -1930) war hier mit seiner Geliebten, Frieda Weekley, abgestiegen. Lawrence hatte die verheiratete Dame und Mutter dreier Kinder seinem ehemaligen Französischlehrer ausgespannt. Diese hübsche Konstellation musste zwangsläufig  in dem eben erwähnten Buch münden, welches dann im Jahr 1928 erschienen ist. 
Unser Interesse gilt freilich nicht dem gleichermaßen häufig wie sensibel verfilmten Spätwerk, sondern den Notizen über den Italienaufenthalt des Schriftstellers. Unter dem Titel „Italienische Dämmerung“ hat Mister Lawrence zwar keinen brauchbaren Reiseführer vorgelegt, dafür aber die Menschen und ihre Eigenheiten markant charakterisiert. Er hat mithin das getan, was alle redlichen Schriftsteller unweigerlich zu tun gezwungen sind: Er hat sein eigenes Leben, seine Bekanntschaften, seinen Erfahrungsschatz bezüglich der menschlichen Natur und seine Erlebnisse literarisch verarbeitet. Genau dasselbe hat Goethe mit seiner Italienischen Reise gemacht. Nichts anderes gedenke ich auf meiner Italienreise zu tun, wobei ich mich aus gutem Grund mehr dem Land, als den Leuten widme. Die Zeiten haben sich geändert, und das nicht zu meinen Gunsten. Vor 100 Jahren konnte Lawrence seinen italienischen Vermieter, den angesehenen Herrn Pietro De Paoli, noch ungeniert und ohne Konsequenzen als runzliges Affengesicht beschreiben. Heute wäre das undenkbar. Heute würden Herr Pietro und seine Gemahlin Silvia Comboni De Paoli ihren Untermieter vor den Kadi zerren. Und ich weiß wovon ich rede, obwohl ich in meiner letzten Publikation weder eine Vokabel wie Affengesicht verwendet, noch den bürgerlichen Namen von KB erwähnt habe. Es ist, wenn ichs recht bedenke, tatsächlich eine Schande, wie weit es derweil mit der hoch gepriesenen Kunstfreiheit gekommen ist.

24. September 2019

Meine Italienischen Reisen (23)

Mein unvermuteter Religionskoller war noch nicht überwunden, als ich Tremosine hinter mir gelassen und einen Stopp in Tignale eingelegt habe. Meiner gerade aufflammenden Faszination fürs Kirchliche folgend, bin ich naturgemäß in die malerisch auf einem Felsvorsprung gebaute Wallfahrtskirche Montecastello gepilgert. Nachdem ich das Altarbild von Bernardino Gandino, die Gemälde von Andrea Celesti und das Fresko „l’Incoronazione della Vergine“ („Krönung der Jungfrau“) von Giovanni Andrea Bertanza ausreichend bewundert hatte, freute ich mich, als Erinnerung an diesen Ort eine Gebetskarte als Devotionalie mitnehmen zu können. Von der Kirche aus bin ich knapp eine halbe Stunde zum Gipfelkreuz des Monte Castello gelaufen. Dort habe ich im Angesicht des herrlichen Ausblicks einen Apfel gegessen und mein Kärtchen gelesen. Es war der Heiligen Gianna Beretta Molla gewidmet und enthielt neben Fürbitte und Gebet auch einen Abriss ihres Lebens. Hier eine Kurzform:

Gianna Beretta Molla wurde am 4. Oktober 1922 in Magenta (westlich von Mailand) geboren, hat bis 1949 Medizin an den Universitäten von Mailand und Pavia studiert und 1950 eine Arztpraxis in Mesero eröffnet. Nach einer Zusatzausbildung in Kinderheilkunde wollte sie als Missionarin nach Brasilien gehen. Allerdings hat der Herr ihr nun eingeflüstert, dass sie zur Ehe berufen sei. Gianna Beretta hat sich dem göttlichen Rat gefügt, 1955 Herrn Molla geheiratet und drei Kinder bekommen. Zu Beginn der vierten Schwangerschaft wurde ein Tumor an der Gebärmutter entdeckt, aufgrund dessen das Austragen des Kindes eigentlich nicht möglich war. Anstatt allerdings die ärztlich empfohlene Abtreibung zu gestatten, hat sich Gianna Beretta Molla im zweiten Monat der Schwangerschaft einem riskanten chirurgischen Eingriff unterzogen. Sieben Monate später, 28. April 1962, ist sie in unbeschreiblichen Schmerzen und mit den Worten: "Jesus, ich liebe dich; Jesus, ich liebe dich" auf den Lippen gestorben. Das Kind war sieben Tage vorher durch Kaiserschnitt zur Welt gekommen. Seither wird Frau Molla als heldenhafte Gläubige verehrt. Und weil innerhalb des katholischen Glaubens eben gerade eine tote Mutter eine gute Mutter ist, wurde sie 1994 selig und 2004 heilig gesprochen.

 

Dass es aus religiöser Sicht besser ist, vier Kinder ohne Mutter, als drei mit Mutter aufwachsen zu lassen, hat meiner noch jungen Zuneigung zur italienischen Kirche enorm geschadet. Immerhin allerdings hat es mich dem Credo meiner Reise trotz der räumlichen Abwege wieder näher gebracht. Auch Goethe ist nämlich mit der Kirche durchaus kritisch zu Gericht gegangen. Am 27. Oktober 1786 hat er in Terni notiert: „Dem Mittelpunkte des Katholizismus mich nähernd, von Catholiken umgeben ... trat mir so lebhaft vor die Seele, dass vom ursprünglichen Christentum alle Spur verloschen ist; ja, wenn ich mir es in seiner Reinheit vergegenwärtige, ... so musste mir schaudern, was nun auf jenen gemüthlichen Anfängen ein unförmliches, ja barockes Heidentum lastet.“ Für diese Erkenntnis, welche mir im Moment so sehr aus der Seele sprach, hat Goethe allerdings sehr viel länger gebraucht als ich. Knapp zwei Monate nach seinem Aufbruch in Karlsbad hat er sie zu Papier gebracht. Ich selbst war erst eine Woche unterwegs.

17. September 2019

Meine Italienischen Reisen (22)

In Goethes Aufzeichnungen findet sich kein noch so kleiner Hinweis auf Pieve. Davon habe ich mich allerdings bewusst nicht leiten lassen, denn mittlerweile hatte sich eine latente Befürchtung in mir breit gemacht, die ich hier nun mit voller Wucht bestätigt sah: Die extrem stiefmütterliche Behandlung des Gardasees durch unseren Dichterfürsten ist durch nichts zu rechtfertigen. Sowohl Goethes Aufenthaltsdauer, als auch der Umfang seiner literarischen Würdigung dieser Region spottet jeder Beschreibung. Dabei sind gerade für Pieve lyrische, sogar gewaltige Worte angebracht.
 
Sul'orlo di rupi scoscese,
e lungo precipiti forre
per dove già l'acqua discese
nei secoli senza misura
 
Mit dieser zauberhaften Poesie preist Marco Visentini  im sechsstrophigen Gedicht "Castelletto" die Einzigartigkeit dieses Fleckchens Erde, an dem die schwalbennestartige Bebauung sich weit über den felsigen Abgrund beugt, hinab in jene Schlucht, in die sich die Wassermassen seit Jahrhunderten unerschrocken und tösend stürzen. Nachzulesen sind diese Zeilen auf einer Tafel an eben jenem Castelletto, wo man auch erfährt, dass Signore Visentini diese Worte 1913 anlässlich der Eröffnung der Straße zwischen Pieve und Vesio verfasst hat. Der sechs Kilometer lange Abschnitt gehört zur "Strada della Forra" und gilt als eine der schönsten Straßen der Welt. Winston Churchill soll die Straße als achtes Weltwunder bezeichnet haben. Tatsächlich ist es ein phänomenales Bauwerk. Dass ich die Strecke zweimal hinauf und wieder hinabgefahren bin, hatte aber noch einen anderen Grund: Auf dieser Straße wurde nämlich auch jene berühmte Szene des 22. James-Bond-Filmes (Ein Quantum Trost mit Daniel Craig) gedreht, in der Agent 007 seine Verfolger in einem Aston Martin abhängt. Ich selbst bin wesentlich langsamer gefahren als Herr Bond. Das hatte den nicht unwesentlichen Vorteil, dass es bei mir weder Blechschäden noch Tote gab. 
Nun bin ich keineswegs ein großer James-Bond-Kenner. Dass mir die Filmszene so gegenwärtig ist, liegt einzig und allein an KB, der jeden Film der Serie mindestens hundert Mal gesehen und mir sämtliche Schlüsselszenen vorgeführt und überreich kommentiert hat. KB liebt James Bond. Er ist aber nicht nur ein Fan des MI6-Geheimagenten. Er liebt den Berufsstand insgesamt. Ob Agent oder Doppelagent, verdeckter Ermittler oder Kundschafter, Spion oder Spitzel spielt keine Rolle, denn KB geht es nicht um die menschliche Komponente, um Recht und Unrecht oder um die persönlichen Befindlichkeiten innerhalb dieses Milieus. Das Einzige was für KB zählt, ist der technische Vorsprung, die moderne Ausstattung und das ausgeklügelte System des Erkenntnissgewinnes. Als Computerexperte wäre KB vermutlich sogar ein Gewinn für jeden Geheimdienst, allerdings hat sein begrenzter Aktionsradius den ganz großen Durchbruch in diesem Metier bislang verhindert. Das liegt jedoch nicht an KB, sondern an den überaus ungünstigen Umständen. Wenn sich innerhalb des Aktionsradiusses von KB nämich staatsfeindliche Subjekte bewegen würden oder gesellschaftsrelevante, kriminelle Machenschaften im Gange wären, dann würde ihm das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht entgehen.
Meine Italienreise wäre für KB diesbezüglich freilich höchst unergiebig gewesen. Das dachte ich, als ich rund um die James-Bond-Raserstrecke den Tag vertrödelte. Zunächst hatte ich in Pieve dem Lavatoio (Waschhaus) einen Besuch abgestattet. In diesem unspektakulären Gebäude haben dereinst die Frauen des Ortes ihre schmutzige Wäsche gewaschen. Heute ist eine kleine Ausstellung darin untergebracht. Im Anschluss habe ich etwa einem halbes Dutzend weiterer Orte der auf einer Hochebene gelegene Gemeinde Tremosine einen Besuch abgestattet. Die Stadt erstreckt sich auf 72 Quadratkilometer und ist mit nur 2000 Einwohnern eher dünn besiedelt. Allerdings soll Tremosine über das angenehmste Klima am ganzen Gardasee verfügen, was ich (auf der zugegebenermaßen eher mageren Datenbasis meiner Rundfahrt) mit gutem Gewissen bestätigen kann. An die spektakuläre Dramatik der Bond-Szene reichen die eher stillen Schönheiten der Gegend nicht heran, das allerdings fand ich völlig in Ordnung. Es wäre ja keineswegs angemessen, auf einer Goethe-Tour einen Herzinfarkt zu erleiden. Ich bin also durch schmale Gässchen gebummelt und durch die hügelige Natur gestreift. Ich habe mir die winzigen Kirchen dieser Dörfer angeschaut, wobei mir der wunderbar melodische Name der Kirche in Villa noch einige Zeit im Kopf herumgegangen ist: La chiesa del Santissimo Sacramento. Da war es schon beinahe unvermeidlich, dass mir beim Weiterwandern gedanklich immer wieder dieses namengebende  Allerheiligste Sakrament vorm geistigen Auge erschien, also die innerhalb der römisch-katholischen Kirche übliche Gabe von Brot und Wein in der heiligen Messe. Ich sinnierte über die stets offenen Kirchen Italiens, in denen Messingleuchter, kleinere geschnitzte Figuren, Kerzen und häufig sogar Ketten mit Kreuzanhängern unbewacht und ungestohlen von der Gläubigkeit der Menschen erzählen. Und ich dachte über den verblüffenden Umstand nach, dass mich die Religion auf Reisen stets im Herzen berührt, während ich ihr im Alltag kaum einen würdigen Platz einräume. 

26. August 2019

Meine Italienischen Reisen (21)

Vier Tage war ich, wie bereits erwähnt, in Limone geblieben. Eine solche Aufenthaltsdauer erschien mir angesichts der Vielfalt, die der Ort bot, durchaus gerechtfertigt. Allerdings wurde ich bei der geplanten Abreise unversehens an jene Goethe-Worte erinnert, die der Dichterfürst den Titelhelden Faust in der berühmten Wettszene sagen lässt:
 
"Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! Du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn!"
 
Zum Glück hatte ich keine solche Wette mit Herrn Mephisto am Laufen, sonst wäre meine Seele vermutlich futsch gewesen. Trotzdem hatte ich mich offensichtlich zu lange verweilt, denn als ich starten wollte, sagte mein schönes Auto keinen Mucks. Natürlich hatte ich bereits vor Fahrtantritt gewusst, dass die Batterie meines Gefährts etwas in die Jahre gekommen war. Kälte setzte ihr inzwischen ebenso zu wie mir selbst. Nicht berücksichtigt hatte ich zudem leider, dass eine viertägige Ruhepause - und ich hatte das Auto tatsächlich nicht einen einzigen Meter bewegt - keine wirkliche Erholung für solch eine Batterie ist. Insbesondere ist sie das nicht, wenn man seinem Auto in diesen vier Tagen immer wieder längere Besuche abstattet. Wenn man die elektrischen Fensterscheiben gelegentlich hinauf und hinunter surren lässt, oder wenn man im Schein der Kofferraumbeleuchtung nach allem möglichen Krimskrams sucht. Ich hatte mich fürwahr nur lässlicher Sünden schuldig gemacht, doch manche Dinge werden eben mit aller Härte bestraft. 
Erfreulicherweise gehören Probleme mit dem Auto zu jenen Ereignissen, bei denen man immer und überall Gehör findet. Ich weckte meine Zeltnachbarn, zwei junge Männer, an deren Wagen eine Autohauswerbung prangte. Natürlich hatte ich nicht vermutet, dass die beiden kurz nach sieben Uhr morgens noch schlafen, aber nun war es für derlei Überlegungen ohnehin zu spät. Mit einer geballten Ladung Charme konnte ich die jungen Männer glücklicherweise für mich gewinnen. Nach kurzer Diskussion haben Pascal und Ruben freiwillig darauf verzichtet, mich einen Kopf kürzer zu machen. Leider waren sie nicht nur in dieser Angelegenheit auf Verzicht eingestellt: Sie hatten nämlich - ebenso wie ich - auch großzügig darauf verzichtet, ein Starterkabel ins Auto zu packen. So etwas hat eigentlich fast jeder im Auto, versicherte mir Ruben. Deshalb habe er das Starterkabel zu Hause gelassen. Da ihr Auto allerdings günstig neben meinem stand, wollten sie mir gern helfen, wenn ich ein solches Dingens aufgetrieben habe. Ich hielt die ersten gen Waschraum strebenden Campinggäste an und trug mein Begehr vor. Ein Starterkabel hatte zwar keiner, aber binnen einer Viertelstunde hatte sich ein Pulk von etwa fünf Dutzend Personen um mein Auto geschart. Die Art des Problems hatte ich mit einer offenen Motorhaube gut sichtbar demonstriert. Die Leute unterhielten sich prächtig. Ausgehend von einigen Anekdoten zu Batterieproblemen hatte sich der Gesprächsstoff allmählich verallgemeinert - hin zu Benzinpreisen, der Montage von Dachträgern und schließlich zu selbstaufblasbaren Camping-Outdoor-Sitzsäcken. Inzwischen war es Viertel vor acht. Die Rezeption war noch geschlossen, also drückte ich auf den einladenden Klingelknopf für Notfälle. Dort wurde mir unmissverständlich gesagt, dass ein nicht anspringendes Auto kein Notfall ist, und dass sich hier vor neun Uhr kein Rad dreht. 
Entgegen dieser Ankündigung ging es dann aber doch ruck-zuck und ich rollte halb neun vom Platz. Hinter mir wurde gewunken und es wurden Tücher geschwenkt. Leider habe ich diese bewegenden Szenen nicht im Bild festgehalten. Ein solches Versäumnis hätte KB nicht hätte passieren können, denn in seinem Auto befindet sich eine 360-Grad-Dashcam. Er behauptet, dass er sich das Gerät nur angeschafft habe, um im Fall eines Unfalls, bei Einbruch oder Diebstahl ein unbestechliches Beweismittel zu haben. Gegen diese Version spricht allerdings, dass er die Aufnahmen komplett speichert und Freunden und Bekannten bei jeder Gelegenheit als Kulturprogramm vorführt. Ich durfte mir auf seinem Smartphone bereits anschauen, wie eine erschrockene Katze über die Frontscheibe tschinnert und mit gesträubtem Fell und einem großen Satz in der Dunkelheit verschwindet, wie Gotthold S., ein ansonsten eher distinguiert wirkender Allgemeinmediziner, in deutlich angetrunkenem Zustand in einen Gully uriniert und wie unser Bürgerpolizist Winkler ein Knöllchen wegen verkehrswidrigen Parkens unter den Scheibenwischer von KBs SUV klemmt.
Mit einer Aufnahme meiner Abreise aus Limone hätte ich diese Clips allesamt in den Schatten stellen können. So allerdings ist mir nur die schöne Erinnerung geblieben. Pascal und Ruben hatten mir noch auf den Weg gegeben, dass ich auf jeden Fall einige Kilometer fahren soll, ehe ich den Motor abstelle. Ihre Empfehlung lautete auf zehn, zwölf Kilometer, dann hätte sich die Batterie erholt. Ich war fest entschlossen, diesem Rat buchstabengetreu Folge zu leisten. Leider war ich erst knapp neun Kilometer gefahren, als ich in Pieve einrollte. Auf dem bergigen letzten Streckenabschnitt zählte zwar sicher jeder Kilometer doppelt, aber der Schreck saß mir noch in den Knochen. Also bin ich zweimal quer durch Pieve kutschiert und schließlich auf den einladenden Parkplatz zurückgefahren, den ich gleich am Ortseingang erspäht hatte. Hier standen etliche Autos und schräg vis-a-vis war eine Autowerkstatt. Außerdem hatte ich bei meiner Rundfahrt eine nur zweihundert Meter vom Parkplatz entfernte Tankstelle entdeckt. Ich postierte mein Auto an einer extrem Starterkabel-freundlichen Stelle, atmete tief durch und schaltete den Motor ab. Inzwischen war ich ziemlich genau fünfzehn Kilometer gefahren.

10. August 2019

Meine Italienischen Reisen (20)

Wie ich gerade so von Ärzten und medizinischen Phänomenen schwadroniere, bemerke ich zu meinem großen Leidwesen, dass mir in den ersten Abschnitten meines Reiseberichtes unabsichtlich einige Bemerkungen herausgerutscht sind, die ich bei genauerer Betrachtung doch besser unterlassen hätte. Natürlich könnte ich jetzt blind darauf vertrauen, dass Sie, meine hochverehrten Leser, meine Ausführungen nicht besonders gründlich gelesen haben. Vielleicht ist Ihnen beim Überfliegen ja sogar völlig entgangen, dass ich hie und da in der Hitze des Gefechts einen Freund erwähnt habe, einen Freund dessen Namen ich aus gutem Grund nicht mehr in den Mund nehmen möchte, den ich mithin nur noch mit seinen Initialen KB benenne. Da ich nun aber nicht sicher bin, dass ich mich in dieser Sache auf Ihre Unaufmerksamkeit verlassen kann, möchte ich hier doch ganz ausdrücklich betonen, dass Sie der gelegentlichen Erwähnung dieser Person keinerlei Bedeutung beimessen müssen. Tatsächlich hat der jüngste Vorfall keinerlei Bedeutung, auch wenn mir die Geschichte naturgemäß nicht so schnell aus dem Sinn geht, weil KB just zwei Tage vor meiner Abreise in die psychiatrische Klinik eingewiesen wurde. Sie werden vielleicht verstehen, dass mich das beschäftigt. Immerhin ist er seitdem in der geschlossenen Abteilung untergebracht. Eine solche Zwangseinweisung erfolgt gewiss nicht ohne triftigen Grund. Mit mir hat diese unglückselige Sache aber ganz sicher nichts zu tun, also zumindest doch sehr wahrscheinlich nicht. Nein, es ist tatsächlich ausgeschlossen, dass ich zu KBs Einlieferung auch nur das Mindeste beigetragen habe. Auf dieser Reise will ich diese leidige Geschichte einfach nur vergessen. Deshalb gelobe ich hiermit feierlich, dass ich Sie damit nicht mehr behelligen werde. Jedenfalls werde ich mich bemühen.
 
Vier Tage habe ich in Limone zugebracht. Es gäbe also noch vieles zu berichten. Doch meinen Besuch des Zitronengewächshauses lasse ich hier ebenso unter den Tisch fallen, wie die Abstecher zur Olivenöl-Ausstellung und ins Fischereimuseum. Nicht unterschlagen möchte ich jedoch die Besucherfreundlichkeit von Limone: Es gibt in dem Ort mehrere öffentliche Toilettenanlagen (darunter an der Information und am Tourismusmuseum) und wie ich auf der Weiterreise erfahren habe, ist das selbst in sogenannten Touristenhochburgen keineswegs eine Selbstverständlichkeit. In Anbetracht des Vorhandenseins dieser so notwendigen Örtlichkeit kann ich nun freilich auch einen sozusagen entgegengesetzten Komfort völlig bedenkenlos preisen. Allgemein bekannt ist, dass man in Italien an vielen Trinkwasserbrunnen seinen Durst stillen kann. Am westlichen Teil des Gardasees allerdings haben einige Gemeinden in den Jahren 2009 bis 2011 öffentliche Trinkwasser-Zapfstellen eingerichtet, die einen besonderen Luxus bieten. Die sogenannten Punti Acqua spenden drei unterschiedliche Wasserarten, als da wären: Gassata (kohlensäurehaltiges Wasser), naturale (natürliches Wasser) und fredda (gekühltes Wasser). Im Park der Villa Boghi, dem Sitz der Stadtverwaltung von Limone, habe ich erstmals solch einen Punto aqua entdeckt. Auf meiner Reise bin ich noch weiteren, baugleichen Luxuswasserstellen vorbeigekommen. Trotzdem kann ich Limone mit Fug und Recht herausheben. Der hier befindliche Punto aqua war der einzige seiner Art, der auch tatsächlich funktionierte. Zum Glück habe ich das zu schätzen gewusst und mir an diesem schönen Ort einen klitzekleinen Wasserbauch angetrunken.
Druckversion Druckversion | Sitemap
© Cristina Zehrfeld