Cristina Zehrfeld - Freie Journalistin und Autorin
Cristina Zehrfeld - Freie Journalistin und Autorin

21. November 2019

Meine Italienischen Reisen (25)

Ich habe, im Gegensatz zu Mister Lawrence, kein möbliertes Appartement in Gargnano gemietet, sondern stattdessen meine Reise gen Süden unverzüglich fortgesetzt. Die Küstenstraße ist nun  freilich auch viel mehr, als eine schnelle Verbindung zwischen den Orten. Sie ist ein Wunder des modernen Straßenbaus und mit ihrem ungezwungen-kühnen Verlauf für sich gesehen schon eine Reise wert. Es wäre mithin eine unverzeihliche Ignoranz, die erlaubten 70 Kilometer pro Stunde zu überschreiten. Allerdings konnte ich sie auch nicht sonderlich unterschreiten, weil vor und hinter mir geschäftige Italiener ihrem Tagwerk zustrebten. Das war erstaunlich, denn es war Pfingstmontag, also Feiertag. Touristen waren zu dieser frühen Stunde – es war kurz nach sechs Uhr – zum Glück noch nicht unterwegs. 
Wenngleich sich auch auf diesem Streckenabschnitt die Berghänge von rechts beinahe auf die Straße ergossen, wurde der Blick nunmehr nicht durch Tunnel und Galerien versperrt. Ranke Zypressen gliederten das Panorama. Ansonsten versperrte nichts den Blick zum linkerhand gelegenen Gardasee, der vor der Kulisse des Monte Baldo Massivs im kühlen Morgenlicht lag. Bereits knapp einen Kilometer vor dem Ortseingangsschild von Toscolano erspähte ich die Pfarrkirche San Pietro e Paolo und so löste ich mich rechtzeitig aus dem dahinrollenden Verkehrsstrom. Auf dem Parkplatz wurde mir schnell bewusst, dass ich hier wohl am Nabel der Welt angelangt war.  Bereits für  eine viertelstündige Parkdauer wurden 50 Cent fällig. Um diese Uhrzeit lohnte sich der finanzielle Aufwand allerdings nicht besonders: Die Pfarrkirche war noch geschlossen. Ebenso verhielt es sich mit der direkt daneben befindlichen römischen Villa Nonii Arrii. Die Römervilla war im Morgenlicht auch durch den Zaun hindurch recht ordentlich einzusehen. Geöffnet ist sie allerdings erst ab 10 Uhr und auch nur samstags und sonntags. Am Tor der wenige Meter daneben befindlichen Papierfabrik allerdings war für einen Feiertag ordentlich viel los. Während ich mit meinem Auto vom 50-Cent-Parkplatz rollte, vibrierte der Boden gerade unter der Last zweier ankommender XXL-Brummis.
Ich parkte ein paar hundert Meter weiter vor der Pasticceria Caprice Di Ardigo' Patrizia. Selbst für ein Frühstück war es noch zu früh, also habe ich mein Ränzlein geschnürt und die Straße Richtung Stadtzentrum Toscolano überquert. Dort fand sich ein Hinweis auf das Museo della Carta. Obwohl ich einen Museumsbesuch nicht ernsthaft in Betracht zog, habe ich die noch verschlafene Stadt unverzüglich hinter mir gelassen und bin zu einer Wanderung in das verwunschene Valle delle Cartiere (Tal der Papiermühlen) aufgebrochen. Der gemächliche ansteigende Weg entlang des Baches wirkte in dieser Idylle zu zivilisiert, beinahe schon wie eine schmale Straße. Immer wieder verharrte ich an den in kurzen Abständen am Wegesrand aufgestellten Informationstafeln, welche die Historie des Tales detailliert und dreisprachig wiedergeben. Ich erfuhr, dass vom Mittelalter bis Mitte des 20. Jahrhundert Papierfabriken entlang des Wildbachs Toscolano betrieben wurden. Der erste gesicherte Hinweis auf dieses Gewerbe aus dem Jahr 1381 erwähnt eine Familie Bellinzani, die in einem antiken Stampfwerk den Rohstoff fürs Papier aus zerriebenen Lumpen gewonnen hat. Die letzte Fabrik im Tal wurde noch bis 1962 in Maina Inferiore betrieben. Auf dem Gelände des Werkes konnte ich das Papiermuseum bewundern, wenngleich auch ganz ohne eigene Schuld nur von außen. Es war noch geschlossen. Ich bedauerte das nicht, denn so konnte ich allein und ungestört eine paradiesische  Ruhe genießen. Nur Ruinen entlang des Baches erinnerten noch an die Blütezeit der Industrie in diesem tief ins Gebirge geschnittenen Tal. Im 15. und 16. Jahrhundert wurde hier Papier von so herausragender Qualität produziert, dass die Fabriken am Toscolano-Wildbach als bedeutendstes Papierzentrum der Republik Venedig galt. Im Jahr 1630 hat die in der Region hausende Pest allerdings so viele Papiermacher dahingerafft, dass nahezu die gesamte Papierherstellung zum Erliegen kam. Im Jahr 1720, so las ich weiter, waren von etwa 60 Papierfabriken 38 wieder in Betrieb. Erstaunlich, dass Goethe keinen Abstecher ins Papiermühlental gemacht hat. Wie viele Packen herrlichsten Schreibpapiers hätte er sich hier für seine weitere Reise kaufen können. Vermutlich wäre seine Reisebeschreibung um ein vielfaches umfangreicher ausgefallen, denn es ist ja bekannt, dass Goethe vom sparsamen Umgang mit Papier nichts gehalten hat. Ich erinnere hier an jenen Schulbesuch, bei dem Schüler ihn gebeten haben sollen, einige Verse zur Feier eines Lehrers aufzusetzen. Weil ihm ein zu kleines Stück Papier gebracht hatte, meinte der Dichter bei dieser Gelegenheit, man müsse stets auf einem großen Stück Papier beginnen, denn der kleine Raum beenge auch die Gedanken. Dieses goethsche Problem hat sich für die Dichter unserer Tage freilich geradewegs ins Gegenteil verkehrt, weil ein moderner Schreiber seine Gedanken wohl kaum noch dem nach allen Seiten endlichen Papier anvertraut. Unweigerlich führt dieser Umstand zu der Frage: Was tut der übermäßig große, der unendliche virtuelle Raum mit den Gedanken. Was würde Goethe am Computer geschrieben haben? Wäre er je zu einem Ende gekommen, gar zu einem sinnvollen Ende, wenn ihm weder beim Umfang - noch bei der Möglichkeit des nachträglichen Einfügens Grenzen gesetzt gewesen wären?

22. Oktober 2019

Meine Italienischen Reisen (24)

Weiter ging es nun geschwinde nach Gargnano. Das klingt möglicherweise unspektakulärm, war für mich aber mit einer grundlegenden Entscheidung verbunden: Ich hatte die Modifikation der Goethschen Reiserroute nun endgültig beschlossen, denn inzwischen durfte ich doch mit Sicherheit davon ausgehen, dass mein touristischer Leitstern in Anbetracht der aktuellen Gegebenheiten die Westumfahrung des Sees ohne zu zögern in Angriff genommen hätte. Dass er es dereinst nicht getan hat, lag ja ausschließlich daran, dass die Gardesana, also die Straße rund um den Gardasee, anno 1786 noch nicht gebaut war. Das für Goethe unbestreitbar bestehende Hinderniss für diese optimale Reiseroute war inzwischen (um es juristisch einwandfrei auszudrücken) vollständig in Wegfall geraten. Meine eigenmächtige Abweichung ist also ganz im Sinne von Johann Wolfgang. Die letzten diesbezügliche Zweifel haben sich restlos zerstreut, als ich aus dringendem Anlass im Tourismusbüro nach einer gewissen Gelegenheit fragte und mir bescheinigt wurde: "Non c'e un gabinetto pubblico qui." Sofort kam mir eine Episode in den Sinn, die Goethe am 12. September 1786 in Rovereto notiert hat, und die ich immer für eine schamlose Übertreibun gehalten hatte. Er hatte geschrieben, "... drittens fehlt eine höchst nöthige Bequemlichkeit, so daß man dem Naturzustande hier ziemlich nahe kommt. Als ich den Hausknecht nach einer gewissen Gelegenheit fragte, deutete er in den Hof hinunter; 'Qui abasso pou servirsi!' Ich fragte 'Dove?' - 'Da per tutto, dove vuol!' (sinngemäß: Da unten können Sie das verrichten. - Wo? - Überall, wo sie wollen.)

An eine solch zwanglose Vorgehensweise war in meinem Fall leider nicht zu denken, denn die Zahl der Touristen hat sich seit Goethe doch spürbar vergrößert. Ich hatte folglich nur eine Möglichkeit, ein größeres Unglück zu vermeiden: Um mein Problem zu lösen musste ich die Voraussetzung für künftige Probleme schaffen. Sprich: Ich bin in ein Ristorante gegangen und habe eine mittelgroße Bestellung aufgegeben. 

 
Beim Bummel durch Gargnano habe ich mir nun etliche protzige Gebäude angeschaut. Der Palazzo Feltrinelli an der Piazza Vittorio Veneto wäre sicher der Erwähnung wert. Das als privates Wohnhaus von Giuseppe Feltrinelli erbaute Gebäude ist nicht nur architektonisch eindrucksvoll. Es atmet auch Historie, insofern es 1943 von der faschistischen Regierung beschlagnahmt und zum Hauptquartier von Benito Mussolini umfunktioniert wurde. Ich könnte auch über die 1289 von Franziskanermönchen gebaute Kirche San Francesco schwätzen, an der man nicht nur den sehenswerten Kreuzgang des alten Franziskanerklosters bewundern kann, sondern an dessen Außenfassade eine riesige Badewanne zu bewundern ist. Der Aufschrift nach hat diese allerdings im Jahre 1302 zweckentfremdet als Sarkophag von Argilo da Gargnano Verwendung gefunden hat. Es wäre auch freilich ein hübscher Zeitvertreib, mit lockerer Feder meinen Bummel entlang des hübschen Hafens und der Uferpromenade zu einem literarischen Großereignis aufzubauschen.
Da ich aber zum Glück die alleinige Entscheidungsgewalt darüber habe, was wichtig ist, weise ich Sie an dieser Stelle lieber auf ein wenig ansehnliches Gebäude an der Via Coletta hin. Die Fassade des in schmutzigem Ockergelb gehaltenen Hauses erhält durch die vier schlichten, braunen Fensterläden der Fassade keineswegs eine optische Aufwertung. Dafür allerdings kann der schmucklose Kasten damit punkten, dass der Verfasser des Romans „Lady Chatterleys Liebhaber“ zwischen September 1912 und März 1913 ein möblierten Appartement im ersten Stock dieser Villa bewohnt hat. Natürlich hat er es nicht allein bewohnt, wie sich leicht denken lässt. David Herbert Lawrence (1885 -1930) war hier mit seiner Geliebten, Frieda Weekley, abgestiegen. Lawrence hatte die verheiratete Dame und Mutter dreier Kinder seinem ehemaligen Französischlehrer ausgespannt. Diese hübsche Konstellation musste zwangsläufig  in dem eben erwähnten Buch münden, welches dann im Jahr 1928 erschienen ist. 
Unser Interesse gilt freilich nicht dem gleichermaßen häufig wie sensibel verfilmten Spätwerk, sondern den Notizen über den Italienaufenthalt des Schriftstellers. Unter dem Titel „Italienische Dämmerung“ hat Mister Lawrence zwar keinen brauchbaren Reiseführer vorgelegt, dafür aber die Menschen und ihre Eigenheiten markant charakterisiert. Er hat mithin das getan, was alle redlichen Schriftsteller unweigerlich zu tun gezwungen sind: Er hat sein eigenes Leben, seine Bekanntschaften, seinen Erfahrungsschatz bezüglich der menschlichen Natur und seine Erlebnisse literarisch verarbeitet. Genau dasselbe hat Goethe mit seiner Italienischen Reise gemacht. Nichts anderes gedenke ich auf meiner Italienreise zu tun, wobei ich mich aus gutem Grund mehr dem Land, als den Leuten widme. Die Zeiten haben sich geändert, und das nicht zu meinen Gunsten. Vor 100 Jahren konnte Lawrence seinen italienischen Vermieter, den angesehenen Herrn Pietro De Paoli, noch ungeniert und ohne Konsequenzen als runzliges Affengesicht beschreiben. Heute wäre das undenkbar. Heute würden Herr Pietro und seine Gemahlin Silvia Comboni De Paoli ihren Untermieter vor den Kadi zerren. Und ich weiß wovon ich rede, obwohl ich in meiner letzten Publikation weder eine Vokabel wie Affengesicht verwendet, noch den bürgerlichen Namen von KB erwähnt habe. Es ist, wenn ichs recht bedenke, tatsächlich eine Schande, wie weit es derweil mit der hoch gepriesenen Kunstfreiheit gekommen ist.

24. September 2019

Meine Italienischen Reisen (23)

Mein unvermuteter Religionskoller war noch nicht überwunden, als ich Tremosine hinter mir gelassen und einen Stopp in Tignale eingelegt habe. Meiner gerade aufflammenden Faszination fürs Kirchliche folgend, bin ich naturgemäß in die malerisch auf einem Felsvorsprung gebaute Wallfahrtskirche Montecastello gepilgert. Nachdem ich das Altarbild von Bernardino Gandino, die Gemälde von Andrea Celesti und das Fresko „l’Incoronazione della Vergine“ („Krönung der Jungfrau“) von Giovanni Andrea Bertanza ausreichend bewundert hatte, freute ich mich, als Erinnerung an diesen Ort eine Gebetskarte als Devotionalie mitnehmen zu können. Von der Kirche aus bin ich knapp eine halbe Stunde zum Gipfelkreuz des Monte Castello gelaufen. Dort habe ich im Angesicht des herrlichen Ausblicks einen Apfel gegessen und mein Kärtchen gelesen. Es war der Heiligen Gianna Beretta Molla gewidmet und enthielt neben Fürbitte und Gebet auch einen Abriss ihres Lebens. Hier eine Kurzform:

Gianna Beretta Molla wurde am 4. Oktober 1922 in Magenta (westlich von Mailand) geboren, hat bis 1949 Medizin an den Universitäten von Mailand und Pavia studiert und 1950 eine Arztpraxis in Mesero eröffnet. Nach einer Zusatzausbildung in Kinderheilkunde wollte sie als Missionarin nach Brasilien gehen. Allerdings hat der Herr ihr nun eingeflüstert, dass sie zur Ehe berufen sei. Gianna Beretta hat sich dem göttlichen Rat gefügt, 1955 Herrn Molla geheiratet und drei Kinder bekommen. Zu Beginn der vierten Schwangerschaft wurde ein Tumor an der Gebärmutter entdeckt, aufgrund dessen das Austragen des Kindes eigentlich nicht möglich war. Anstatt allerdings die ärztlich empfohlene Abtreibung zu gestatten, hat sich Gianna Beretta Molla im zweiten Monat der Schwangerschaft einem riskanten chirurgischen Eingriff unterzogen. Sieben Monate später, 28. April 1962, ist sie in unbeschreiblichen Schmerzen und mit den Worten: "Jesus, ich liebe dich; Jesus, ich liebe dich" auf den Lippen gestorben. Das Kind war sieben Tage vorher durch Kaiserschnitt zur Welt gekommen. Seither wird Frau Molla als heldenhafte Gläubige verehrt. Und weil innerhalb des katholischen Glaubens eben gerade eine tote Mutter eine gute Mutter ist, wurde sie 1994 selig und 2004 heilig gesprochen.

 

Dass es aus religiöser Sicht besser ist, vier Kinder ohne Mutter, als drei mit Mutter aufwachsen zu lassen, hat meiner noch jungen Zuneigung zur italienischen Kirche enorm geschadet. Immerhin allerdings hat es mich dem Credo meiner Reise trotz der räumlichen Abwege wieder näher gebracht. Auch Goethe ist nämlich mit der Kirche durchaus kritisch zu Gericht gegangen. Am 27. Oktober 1786 hat er in Terni notiert: „Dem Mittelpunkte des Katholizismus mich nähernd, von Catholiken umgeben ... trat mir so lebhaft vor die Seele, dass vom ursprünglichen Christentum alle Spur verloschen ist; ja, wenn ich mir es in seiner Reinheit vergegenwärtige, ... so musste mir schaudern, was nun auf jenen gemüthlichen Anfängen ein unförmliches, ja barockes Heidentum lastet.“ Für diese Erkenntnis, welche mir im Moment so sehr aus der Seele sprach, hat Goethe allerdings sehr viel länger gebraucht als ich. Knapp zwei Monate nach seinem Aufbruch in Karlsbad hat er sie zu Papier gebracht. Ich selbst war erst eine Woche unterwegs.

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© Cristina Zehrfeld