Cristina Zehrfeld - Freie Journalistin und Autorin
Cristina Zehrfeld - Freie Journalistin und Autorin

11. Juli 2019

Meine Italienischen Reisen (17)

Bei aller Begeisterung für Umwege hatte ich meinen Reiseplan keineswegs aus den Augen verloren. Husch, husch ging es nun also nach Limone. Goethe hat den Ort freilich nur beim Schippern über den Gardasee vom Boot aus gesehen, aber es muss ja allem, worauf sein Auge je gefallen ist, die allergrößte kulturhistorische Bedeutung zugesprochen werden. Ein zweiter Grund, Limone einen Besuch abzustatten, ist ohne Frage, dass es inzwischen der wohl beliebteste Touristenort am Gardasee ist und ich keineswegs abgeneigt war, mich auf meiner Reise auch hie und da zu erholen.
Doch lassen wir uns zunächst zunächst von den bedeutungsschweren Worte einlullen, die Goethe dem Ort gewidmet hat: „Wir fuhren bei Limone vorbei, dessen Berggärten, terrassenweise angelegt und mit Citronenbäumen bepflanzt, ein reiches und reinliches Ansehn geben. Der ganze Garten besteht aus Reihen von weißen, viereckigen Pfeilern, die in einer gewissen Entfernung voneinander stehen und stufenweis an den Berg hinaufrücken. Über diese Pfeiler sind starke Stangen gelegt, um im Winter die dazwischen gepflanzten Bäume zu decken. Das Betrachten und Beschauen dieser angenehmen Gegenstände ward durch eine langsame Fahrt begünstigt ...“ 
In so hübsche Worte lässt sich mein erster Eindruck des Ortes leider nicht fassen, was vermutlich dazu führen wird, dass meine Zeilen auch in ferner Zukunft nicht annähernd so oft von Limone-Reisenden zitiert werden. Jedenfalls bin ich in erlaubter Höchstgeschwindigkeit auf der Gardesana von Riva nach Limone gerauscht. Eine langsame Fahrt à la Goethe hätte mir auch nichts genützt, denn ein Großteil der Strecke führt durch schier endlose Tunnel. Ein Blick auf Limone lässt sich dabei nicht erhaschen, allerdings ist das keineswegs ein Manko, denn man wird durch die faszinierende Straßenbaukunst dieser Traumstraße mehr als entschädigt. Ich könnte an dieser Stelle nun allerhand interessante Details zur Entstehung der Gardesana Occidentale, also die an der Ostseite des Gardasees verlaufende Staatsstraße SS45, niederschreiben. Aber das ist ganz unnötig, weil das Museo del Turismo (Touristenmuseum) in Limone das in vorbildlicher Weise tut. Wenngleich ich vom Besuch von Museen auf Reisen eigentlich nicht besonders viel halte, kann ich jedem Limone-Reisenden dieses Museum nur wärmstens empfehlen. Ein Grund dafür sind die vielen historischen Originaldokumente. Auf einem Plakat vom 18. Oktober 1931 zum Beispiel wird die Eröffnung der Straße mit großem Überschwang gepriesen. Dort wird an einer Stelle das Regime des Benito Mussolini gepriesen: "Tutti i governi ci hanno promesso questo Giorno, solo il Regime fascista ce lo ha dato." (Alle Regierungen haben uns diesen Tag versprochen, aber nur das faschistische Regime hat dieses Versprechen eingelöst.) Es macht jetzt gar nichts, wenn ich Sie damit noch nicht endgültig auf das Touristenmuseum neugierig gemacht habe. Zu gegebener Zeit werde ich noch einmal - und dann gewiss mit Erfolg - für das Haus werben.
Nun ist die Ankunft in Limone, speziell für Autofahrer, nicht zwingend ein Quell der reinen Freude. Man muss sich darauf einstellen, dass man an diesem Ort nicht der einzige Reisende ist. Die Parkplatzsuche kann sich als entsprechend mühsam erweisen. Allerdings hatte ich mit diesem Problem nicht zu kämpfen, weil ich unverzüglich den Zeltplatz am südlichsten Zipfel des Ortes angesteuert habe. 
 
An diesem Fleckchen Erde wollte ich nun einige Tage verweilen. Dies war nun gewiss nicht ganz im Sinne des Herrn von Goethe, der ja schrieb: "Wie das Gestirn, ohne Hast, aber ohne Rast, drehe sich jeder um die eigne Last." Auch Goethe ist nun nicht unfehlbar, weshalb ich mich in diesem Falle besser an die Philosophie von Stefan Zweig halten wollte, der sagte: "Auch die Pause gehört zur Musik." Immerhin ist Limone auch ein Ort, bei dem das Innehalten keineswegs mit dem Beinehochlegen oder dem Händeindenschoßlegen einhergehen muss. Es gibt hier fünf Museen und unzählige Wanderrouten. Allerdings wollte ich nach dem eher ungestümen Reiseauftakt an meinem ersten Limone-Tag ganz bewusst die Seele baumeln lassen. Zwar habe ich eines der Museen pro forma in meinen geplanten Stadtrundgang aufgenommen, allerdings habe ich das nur gemacht, um etwas abhaken zu können. Das Abhaken von Sehenswürdigkeiten ist zwar unsinnig, es bringt aber eben auch eine eigenartige Ordnung in den ansonsten wunderbar liederlichen Ablauf eines Urlaubstages. Allerdings habe ich ein Museum ausgesucht, von dem ich mir rein gar nichts erwartet habe, ein Museum zur kontemplativen Meditation und zum Baumeln lassen der Seele. Eine Missionars-Gedenkstätte schien mir für meinen Zweck bestens geeignet, also stand auf der Agenda dieses Tages der Besuch der Tesöl-Gedenkstätte der Comboni-Missionare. Dort kann man sich das sehr schlichte Geburtshaus von Daniele Comboni (1831-1881) anschauen, dazu eine Gedächtniskapelle und ein Kuriositätenkabinett mit Souvenirs aus aller Welt. Herr Comboni war ein katholischer Bischof und ist als Missionar nach Afrika gegangen. Sein Ziel: Er wollte Afrika durch Afrikaner missionieren. Ob er das geschafft hat, sei dahingestellt, jedenfalla wurde er 1996 selig und 2003 heilig gesprochen. Nachdem ich diese Informationen aufgesogen hatte, bin ich noch etwas durch den Garten der Gedenkstätte gebummelt. Dabei habe ich zufällig eine Gedenktafel mit einem Zitat Combonis entdeckt. Angeblich ist der spätere Missionar in seiner Kindheit und Jugend oft auf dem hier beginnenden Spazierweg zum Plateau der Malga Dalco gelustwandelt. Diese Spaziergänge hatten scheinbar einen unvergesslichen Eindruck gehabt, denn in einem seiner späteren Briefe schrieb Comboni, dass er im Falle des Weltuntergangs sein Leben lieber auf dem Dalco aushauchen würde, als in einer Metropole wie Paris. Ich ließ mich inspirieren und folge Combonis Spuren, obwohl ich nicht davon ausging, dass in den nächsten Stunden mit dem Weltuntergang zu rechnen war. Immerhin schien der Weg für einen Bummeltag wie geschaffen. Allerdings hätte mich stutzig machen sollen, dass der Weg eine Nummer hat. Spazierwege pflegen nicht nummeriert zu sein. Und dieser hier hatte nicht einmal irgendeine Nummer, sondern die 112. Nach einigen hundert Metern wurde auch mir klar, warum man dem Pfad ausgerechnet die Notruf-Nummer gegeben hat.

5. Juli 2019

Meine Italienischen Reisen (16)

Drei Kilometer hinter Tiarno sah ich mich schon wieder gefordert, eine Nachlässigkeit des Herrn von Goethe auszubügeln. Selbstverständlich habe ich also Bezzecca nicht links liegengelassenen, sondern habe dem Geburtsort von Bernardo Gigli, genannt auch "El popo de Bezzecca", die Ehre erwiesen. 
Nun möchte ich keineswegs an Herrn von Goethe herummäkeln, aber es hätte dem damals 37-jährigen Dichterfürsten sehr gut zu Gesicht gestanden, wenn er auf seiner Italienreise anno 1786 dem damals 60-jährigen  Bernardo Gigli einen Besuch abgestattet hätte. Ohne Zweifel hatte er von ihm gehört, denn Gigli war zwischen 1746 und 1768 in ganz Europa herumgekommen. Er hatte in Rom und Paris, in Madrid, Warschau und Wien für Furore gesorgt. Er war von Berlin und London bis nach Petersburg herumgereicht worden. Inzwischen allerdings war er in seinen Geburtsort zurückgekehrt. Es wäre für Goethe eine kleine Mühe, ein kaum erwähnenswerter Umweg gewesen, ihn hier zur besuchen. 
Wie lässt Goethe in Wilhelm Meisters Lehrjahre (2. Buch, 4. Kap.) doch so neunmalklug den Wilhelm zu Philine sagen: "Der Mensch ist dem Menschen das Interessanteste und sollte ihn vielleicht ganz allein interessieren." Ich nehme an, dass Goethe den Abstecher nach Bezzecco aus reiner Eitelkeit unterlassen hat. Man stelle sich vor: Der 2,60 Meter große Gigli und daneben der fast einen Meter kleinere Goethe. Ja, ich glaube tatsächlich, dass Goethe einfach nur befürchtet hat, neben diesem Mann keine ausreichend imposante Figur abzugeben. 
 
Ein vor über über 200 Jahren verstorbener Riese ist nun schon Grund genug, um Bezzecca als unverzichtbares Reiseziel zu deklarieren. Doch der Ort hat auch ein Kriegsmuseum, ein monumentales Beinhaus und Schützengräben zu bieten. Letztere wirken im frischen Grün des späten Frühjahrs, ohne die Gerüche von Schweiß, Angst und Schmerzen eher wie ein Abenteuerspielplatz, denn als Zeugnisse des garibaldischen Feldzuges und der beiden Weltkriege. Meinem Freund Beni würde das gefallen, denn der Krieg ist ja eine spannende Sache, wenn man sich ihm in Jesuslatschen und mit dem Baedecker unterm Arm nähern kann. Immerhin ist der Ort jedoch auch bestens geeignet, um sich mit der leider viel zu wenig beachteten Problematik der optimalen Textlänge zu beschäftigen. 
Die Verehrer Goethes heben immer wieder dessen enormen Wortschatz hervor. Wissenschafter plagen sich gar damit ab, den Individualwortschatz des Dichterfürsten penibel in einem Goethe-Wörterbuch aufzulisten. Dabei wird gern übersehen, dass eine große Zahl von Worten eben allzu oft nur ein Ausdruck übertriebener Geschwätzigkeit ist. Ich will damit nichts gegen wortreiche Dichtungen gesagt haben, solange dieser Wortreichtum gerechtfertigt ist. Doch man muss wissen, wann Schluss ist. Auch Goethe war das zweifellos bewusst. Jedermann kennt ja jene Klugheit, die er dem Direktor beim "Vorspiel auf dem Theater" (zweite Einleitung des Faust I) in den Mund gelegt hat: "Der Worte sind genug gewechselt, Laßt mich auch endlich Taten sehn!" Dennoch hat Goethe für den ersten Teil des Faust insgesamt 30.897 Worte gemacht. Beim zweiten Teil waren es dann sogar stolze 45.045 Worte. Ohne diese große Zahl von Worten wäre Goethes Wortreichtum auch keiner Menschenseele aufgefallen.
Dass es aber auch anders geht, dass auch wenige Worte gewichtig sein können, wenn sie nur gut gewählt sind, das hat Giuseppe Garibaldi im Jahr 1866 nach der berühmten Schlacht bei Bezzecca bewiesen. Dort hatte er am 21. Juli  den einzigen italienischen Erfolg während des Dritten Italienischen Unabhängigkeitskrieges eingefahren. Er marschierte also weiter gen Trient. Doch anstatt seinen erfolgreichen Guerillakrieger gewähren zu lassen, hat der italienische König ihm nach dem am 12. August 1866 in Kraft getretenen ein Waffenstillstand zwischen Österreich befohlen, Trentino zu verlassen. Man möchte es nicht meinen, doch Befehlshaber Garibaldi hat sich dieser ihm durchaus widerstrebenden Anordnung nicht widersetzt. Das Antworttelegramm des rebellischen Nationalhelden ist wegen seiner Kürze und Prägnanz zwar leider nicht in die Literaturgeschichte eingegangen, aber dafür in die Geschichte seines Landes. Garibaldi reichte als Antwort nämlich ein einziges Wort, welches in Italien derweil zur Redewendung geworden ist. Er schrieb "Obbedisco" (Ich gehorche). Zu dieser Berühmtheit hat es ein einzelnes Wort von Goethe meines Wissens nie gebracht. 

28. Juni 2019

Meine Italienischen Reisen (15)

Auf dem Rückweg gen Riva habe ich in der kleinen Ortschaft Tiarno angehalten. Eine Besuch solcher vermeintlich unbedeutenden Orte kann ich prinzipiell nur wärmstens empfehlen, denn niemals wird ein solcher kleiner Ort einen sehenden Menschen weiterziehen lassen, ohne dass er sich mit einer überraschenden Besonderheit für immer im Herzen eingenistet hätte. Wie heißt es so schön: Im Regentropfen spiegelt sich die Welt, im kleinsten Dorf das ganze Universum.
Nun ist Tiarno zweifellos weit davon entfernt eines dieser sprichwörtlich kleinsten Dörfer zu sein. Immerhin wurde der Ort bereits zu Zeiten des Römischen Reiches besiedelt. Es ist damals so rasant gewachsen, dass man ihn bereits im 10. Jahrhundert verwaltungsrechtlich teilen musste. Man wäre des Molochs sonst nicht Herr geworden. Seither gibt es das Oberdorf (Tiarno di sopra) und das Unterdorf (Tiarno di sotto). 
Ich habe zunächst das Oberdorf erkundet, in dem letzten Zählungen zufolge beinahe 1000 (in Worten Eintausend!) Einwohner leben. Ich will den Dorfbewohnern keineswegs zu nahe treten, aber im Vergleich zu ihren Vorfahren sind sie alle leider nur Mittelmaß. Früher konnte der Ort nämlich mit wirklichen Größen aufwarten. Bekannt geworden ist vor allem der 1796 in Tiarno di Sopra geborene Martino Ribaga, der eine Körperhöhe von stolzen sieben Fuß zwei Zoll, also etwa 2,18 Meter, aufzuweisen hatte. Er wurde deshalb als "il Gigante" (der Riese) bezeichnet. Weil er außerdem über herkulische Kräfte verfügte und zum Beispiel einen mit Getreidesäcken beladenen Esel in die Höhe heben konnte, ist er einem Spekulanten in die Hände gefallen, der ihn als Jahrmarkts-Attraktion durch Europa gekarrt hat. Nachzulesen ist das alles auf einer goldenen Tafel am Geburtshaus des il Gigante, der im Alter von 23 Jahre in Frankreich gestorben ist. Noch bekannter als Martino Ribaga ist allerdings der im nur wenige Kilometer entfernten Bezzecca geborene Bernardo Gigli (1726-1791). Er soll 2,60 Meter groß und ein Vorfahr von Martino Ribaga gewesen sein. 
 
Der Vollständigkeit halber und ohne jede Erwartung bin ich nun noch durch Tiarno di Sotto geschlendert. Auch das ist ein hübscher kleiner Ort, aber unmöglich konnte er auch nur entfernt an die Superlative von Tiarno di sopra heranreichen. Während ich dieses nun allerdings dachte, ist förmlich ein Blitz durch mich hindurchgefahren. Wie angewurzelt bin ich an der Piazza San Giovanni Bosco stehen geblieben. Für einen Moment stand mir vermutlich vor Staunen der Mund offen. Dann habe ich mir zur Sicherheit gründlich die Augen gerieben und nochmals das Schild über der unscheinbaren Lokalität gelesen. Hierher hatte mich offenkundig das Schicksal persönlich geführt, denn auch wenn es keineswegs auf meiner To-do-Liste stand, so war ich hier ohne jeden Zweifel an einem kulturellen Höhepunkt meiner Reise angekommen. Eine Goethereise, mithin also eine Literaturreise ohne einen Besuch dieser unvergleichlichen Sehenswürdigkeit wäre ein Fauxpas, vergleichbar mit Goethes Padergnone-Versäumnis. Mindestens damit, denn hier bot sich mir die Möglichkeit in jenes wahrhaftige Italien der Gegenwart einzutauchen, welches Stefano Benni in seinem 1976 erschienenen Buch so mustergültig beschrieben hat: Ich stand vor der leibhaftigen "Bar Sport". Sofort hatte ich den Geschmack der berühmten Luisona im Mund, jenes Backwerkes also, welches mehr Zeit in der Auslage der Bar Sport zugebracht hat, als Goethe in Italien. Ich verspürte folglich einen spontanen Brechreiz. Meine Begeisterung über die zufällige Entdeckung dieses Lokals ist kaum angemessen zu beschreiben. Eine unsichtbare Kraft zog mich förmlich hinein, und ich wurde nicht enttäuscht. Zufällig war der einzigartige Professor Piscopo gerade im Lokal, und obwohl der Tag noch jung war, hatte der alte Herr seine Versuchsreihe zur Trunkenheit für diesen Tag offensichtlich schon nahezu abgeschlossen. Jedenfalls philosophierte er so leidenschaftlich über den singularen Ereignishorizont seines bis auf eine Neige leeren Bierglas, dass bei seinen weniger wissenschaftsbeflissenen Begleitern bereits deutliche Ermüdungserscheinungen sichtbar waren. Ich wurde von einem hölzernes Knarzen abgelenkt, welchem unmittelbar ein lang anhaltendes, kräftig rasselndes Räuspern folgte. Mein suchender Blick entdeckte einen uralten Herrn, dessen Augen starr auf einen Fernseher gerichtet waren. "Il nonno", dachte ich unwillkürlich, denn auch ihn hat Herr Benni detailgetreu beschrieben. Während ich meinen Cappuccino trank, frequentierten weitere Protagonisten aus dem Buch "Bar Sport" die echte Bar Sport. Offenbar hat Stefano Benni sehr gründlich recherchiert und ich hatte die richtige Lokalität erwischt. Einzige Manko: Die Luisona stand nicht mehr in der Auslage. Wie auch. Ein Handelsvertreter aus Mailand hat sich das gute Stück dereinst einverleibt, noch bevor die gute Luisona volljährig geworden war. Die Erinnerung an dieses tragische Ende kam in mir hoch, und so rollte eine dicke Träne der Trauer über meine Wange. Eine merkwürdige Regung, denn persönlich habe ich die sagenumwobene Luisona leider nie kennengelernt. Während ich mir die Träne vom Kinn wischte, musste ich an die Vorratskammer von Kurt-Benedict denken. In Ermangelung unbedarfter Handelsvertreter hatte sich dort vor vielen Jahren eine Luisona-Kolonie gebildet. Allerdings hat niemand je dieser Kolonie ein literarisches Denkmal gesetzt. Das ist ein wirkliches Versäumnis, denn mit Kurt-Benedicts Vorräten hätte man nicht nur sämtliche Handelsvertreter Europas krankenhausreif verköstigen können, sondern darüber hinaus auch alle Handelsmakler, Kommissionäre und Absatzmittler. Selbst unter Einbeziehung sämtlicher Handelsreisenden wären noch immer genügend prähistorische Lebensmittel als Anschauungsobjekte und Notration für schlechte Zeiten übriggeblieben. Ob Backwaren oder Dosenfleisch, Hülsenfrüchte oder Senf - alles in Kurt-Benedicts reich gefüllter Vorratskammer wies ein Verfallsdatum von wenigstens zwanzig Jahren auf. Mit zwei Ausnahmen: Drei Kästen Bier und zwei Dutzend Tafeln Schokolade waren ladenfrisch. Ich möchte über Kurt-Benedicts Ernährungsgewohnheiten nicht spekulieren. Nur so viel: Eine Lebensmittelvergiftung ist ihm erstaunlicherweise nicht zum Verhängnis geworden.
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© Cristina Zehrfeld