Cristina Zehrfeld - Freie Journalistin und Autorin
Cristina Zehrfeld - Freie Journalistin und Autorin

19. Februar 2019

Meine Italienischen Reisen (7)

Freilich war das nur ein notdürftiges Abhaken, doch immerhin konnte ich nicht mehr aus dem Leben scheiden, ohne das Gewässer gesehen zu haben, also hatte ich nun Muse, mich auf dem Weg bis zu seinem Ufer ohne Hast den Schönheiten der Region zu widmen. Das habe ich unverzüglich genutzt, indem ich jenen Berg eingehend betrachtete, welcher mir eine wirklich freie Sicht auf den See verwehrt hat. Ich habe dazu einfach einfach ein Päuschen hoch droben auf der Burgruine eingelegt. Von hier aus hat man nämlich einen phantastischen Ausblick auf einen anderen, den direkt am Nordufer des Sees befindlichen Aussichtspunkt: Auf den Monte Brione.
Dieser Berg liegt zwischen Riva und Nago-Torbole, ist an seiner höchsten Stelle 376 Meter hoch und erinnert, von der Burgruine Arco aus gesehen, an ein umgefallenes Stück Torte, wobei die spitze Seite nach Riva zeigt. Die strategische Bedeutung dieser markanten Anhöhe erschließt sich auch ohne militärische Kenntnisse. Mit etwas größerem diesbezüglichen Interesse würde ich vermutlich eine Wanderung auf diesen Felsen fest ins Auge gefasst haben, denn dort verlief einst der Verteidigungswall des Kaiserreiches Österreich-Ungarn. Die Besteigung verspricht neben einem wunderbaren Panorama also auch einige Bunker und Festungsanlagen mit denen die Österreicher die damaligen Grenze zu Italien gesichert haben. Allerdings sind sie erst ab 1860, also weit nach Goethes Italientour, errichtet worden. Anstatt mich also zum Militärexperten weiterzuentwickeln, bin ich lieber durch Arco geschlendert. Unverzichtbar war dabei zunächst der "Parco Arciducale Arboreti di Arco", also das Arboretum. Dieser botanische Garten wurde 1873 von Erzherzog Albert von Österreich angelegt. Für diese, wie für so viele Sehenswürdigkeiten war Goethe also schlicht zu früh dran. Als begnadeter Naturwissenschaftler allerdings würde er diesen Platz heute eines Bummels für Wert finden. Angeblich sollen 200 verschiedene Pflanzen und Sträucher hier wachsen. Ich habe sie nicht gezählt, kann aber bestätigen, dass etliche Bäumchen derweil zu Mammutexemplaren ihrer Gattung herangewachsen sind. In dem Park wachsen Zeder, Grapefruit und Steineiche, Feigenkaktus, Seidenbaum und Palmlilie. Herr Goethe hätte in der ihm eigenen Gründlichkeit an dieser Stelle der Aufzählung gewiss kein Ende gefunden. Ich allerdings möchte Sie nur noch auf einen besonders schönen Rastplatz in diesem Botanikerparadies aufmerksam machen. Im Schmuddelwetter der letzten Tage hatten sich die Mammutbäume des Parks bis ins Mark mit Wasser vollgesogen, welches sie nun eifrig auf mich herabtropfen ließen, obwohl der Himmel seine Schleusen für den Moment geschlossen hatte. Ich schob die nassen Zweige einer depressiven Weide zur Seite, um aus dieser Dauerdusche auf eine zu Wiese zu fliehen und entdeckte hier einen Teich, in dem sich zu meiner Überraschung neben Goldfischen auch mehrere Dutzend Wasserschildkröten tummelten. Einige der Tiere beobachteten mich mit halbgeschlossenen Garfield-Augen. Während ich diese Idylle auf mich einwirken ließ, verwandelte sich eine besonders große Schildkröte vor meinem geistigen Augen in Kurt-Benedict. Augenblicklich wurde mir klar, dass es sehr weise von mir gewesen war, diesen Italientrip nicht gemeinsam mit Kurt-Benedict zu unternehmen, obwohl mein Freund Kurt-Benedict sich mir sehr gern angeschlossen hätte. Wobei dieses "sich anschließen" sehr wörtlich zu nehmen ist, denn Kurt-Benedict hatte mir ernsthaft vorgeschlagen, ich könne ihn doch mitnehmen nach Italien. Allerdings bin ich ein ausgemachter Gegner des Mitnehmens, weil eine mitgenommene Person eine äußerst anstrengende Reisebegleitung ist. Ich weiß das, weil ich Kurt-Benedict schon hin und wieder zu kleineren Unternehmungen mitgenommen habe. Die maximale Ausdehnung solcher Mitnahme-Unternehmungen beläuft sich allerdings auf einen halben Tag. Länger sind Reisebegleiter wie Kurt-Benedict nicht zu ertragen. Das liegt vor allem daran, dass der Charakter von Kurt-Benedict mit der Erwähnung der Schildkröten-Garfield-Augen bereits umfänglich beschrieben ist. Alles, was Kurt-Benedict ausmacht, steht ausführlich in diesem schläfrigen Blick geschrieben. In Arco wäre ich gemeinsam mit Kurt-Benedict folglich frühestens nach drei Tagen angekommen, denn Kurt-Benedict braucht viele Pausen, und er braucht lange Pausen, und wenn er gerade keine Pause macht, dann ist er auch nicht der Schnellste. Ich stand kaum zehn Minuten, als die Kurt-Benedict-Schildkröte ihren müden Blick von mir abwendete. Um weitere Assoziationen gar nicht erst aufkommen zu lassen flüchtete ich eilends aus dem Park.
Da Arco in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Wintersitz des österreichischen Kaiserhofs diente, hat die Stadt noch einige Jugendstilvillen aus dieser Zeit aufzuweisen. Allerdings wirkt sie insgesamt nicht mehr sonderlich exklusiv. Immerhin gibt es ein paar hübsche Details. Ich war zum Beispiel in der Parrocchia Santa Maria Assunta. Diese 1613 erbaute Kiche befindet sich am Piazza Canoniche und gilt als eine der größten und bedeutenden Kirchen der Trentiner Renaissance. Neben der Architektur und einigen Gemälden ist die Orgelempore interessant: Statt christlicher Szenen oder Putten sind dort Skulpturen von musizierenden Bürgern zu sehen. Unweit der Kirche steht in einer zentrumsnahen Parkanlage ein Denkmal des 1858 in Arco geborenen Malers Giovanni Segantini. Der Glanz der regennassen Bronzestatue ließ mich vermuten, dass es sich gewiss um einen großen Künstler handeln musste. Für den Moment allerdings blieb mir eben nur, die Kunst des Bildhauer zu loben, der Segantini eine sehr würdevolle Position gegeben hatte. Zu spät übrigens, wie mir auffiel: Das Werk von Leonardo Bistolfi wurde am 24. Oktober 1909 eingeweiht, was recht eindrucksvoll zeigt, dass auch früher schon nicht immer alles fristgerecht fertig geworden ist: Da  Segantini nämlich am 28. September 1899 verstorben ist, vermute ich doch sehr stark, dass die Einweihung ursprünglich für seinen zehnten Todestag geplant war.

19. Februar 2019

Es gibt sie - die kleinen Freuden beim Entrümpeln des Fotoarchivs: Hier hatte ich auf dem Weg zu einem Termin im Juni 2018 die Kamera aus der Tasche geholt.

9. Februar 2019

Meine Italienischen Reisen (6)

Tatsächlich war ich gerade noch rechtzeitig an einer Wegmarke zum Stehen gekommen, deren Auslassung mir Herr Goethe im Leben nicht verziehen hätte. Ich befand mich im schönen Örtchen Arco. Die Bedeutung dieser 17.000-Seelen-Stadt lässt sich leicht ermessen, wenn man bedenkt, dass Albrecht Dürer bereits im Jahre 1495 die dort befindliche Burg für malenswert erachtet hat. Allerdings hatte Goethe gute Gründe, diese Station wegzulassen. Während auf Dürers Aquarell Stadt und Burg sich nämlich noch intakt und in voller Schönheit zeigen, befand sich die Bausubstanz just zur Reisezeit von Goethe nicht im besten Zustand. Dies trotz seiner weit zurückreichenden Historie. Immerhin war die Burg mindestens ab dem Jahr 1000 durch Adlige genutzt worden. Lange galt sie als uneinnehmbar. Doch innerhalb des Spanischen Erbfolgekrieges (1701 - 1714) haben die Truppen von Louis Joseph de Bourbon das untere Sarcatal in unfriedlicher Absicht besetzt und die Burg so lange bombardiert, bis deren Besatzung 1703 klein beigegeben hat. Leider hat sich Herr de Bourbon wie ein ungezogenes Kind verhalten: Solange ihm die Burg nicht gehörte, hat er vor Wut fast Weinkrämpfe bekommen, aber als er sie dann erobert hatte, war sie ihm egal. Sie ist in die Ecke geworfen worden, wie unnützes Spielzeug und war für die nächsten 280 Jahre dem Verfall preisgegeben.
Tatsächlich sind die ersten Bestimmungen, die den Namen Denkmalschutzgesetz verdienen, zu Goethe Lebzeiten, nämlich Anfang des 19. Jahrhunderts erlassen worden. Das ist selbstredend kein Zufall. Im Gegenteil. Es kann gar keinen Zweifel geben, dass damals einzig und allein Goethe seine Zeitgenossen erleuchtet hat, indem er nämlich den Urgedanken des Denkmalschutzes in seinem 1808 veröffentlichten Faust in die bis heute gültigen Worte gegossen hat. Dort hatte er so treffend formuliert: "Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen!" Es hat noch eine ganze Weile gedauert, ehe sich diese Weisheit bis nach Italien herumgesprochen hat. Erst 1982 hat die Stadt Arco sich Goethes Mahnung zu Herzen genommen, das Burggelände gekauft, allerhand Lire und Euro investiert und aus den Schuttberg wieder in eine stattliche Ruine verwandelt. Einige Türme und Zisternen, die Schneiderstube, der Mauerring und der Turnierplatz wurden wieder hergestellt. In einem Freskensaal konnte ich bereits wieder Gemälde bewundern, auf denen Ritter und Damen sich bei Brettspielen amüsieren. Allerdings wurde mir in diesem hübschen Raum leider nicht der kleinste Schluck kredenzt, was mit seiner ursprünglichen Bestimmung ganz gewiss keineswegs vereinbar ist. Immerhin hat man von der Spitze des Burgberges eine hervorragende Sicht auf aufs Sarcatal bis hinunter nach Riva. Ich kann das mit Sicherheit sagen, denn als ich den Berg erklommen hatte, waren die Wolken weitgehend vom Wind weggeblasen worden. Im Süden habe ich deshalb sogar den Gardasee hinter dem Monte Brione hervorlugen sehen. Ich konnte den Tagesordnungspunkt "Gardasee anschauen" somit eher als geplant abhaken. 

3. Februar 2019

Meine Italienischen Reisen (5)

Trotz der frühen Stunde hätte ich meinen Padergnone-Besuch gern mit einem Glas Vin Santo gekrönt. Allerdings habe ich weder eine offene Osteria, noch eine Bar oder eine Trattoria gefunden. Mir ist also sowohl der süße Dessertwein versagt geblieben, als auch das dazugehörige traditionelle Mandelgebäck, die sogenannten Cantuccini, welche üblicherweise in den Vin Santo getunkt, oder wie man bei uns zu Hause sagt, geditscht werden. Ich musste mithin ungefrühstückt weitergefahren. Wie dringend ich allerdings ein Stärkung nötig hatte, lässt sich daran erkennen, dass ich prompt vom rechten Weg abgekommen bin. Anstatt planmäßig auf der SS 45 direkt am Tobliner See entlangzufahren, bin ich auf eine etwas kleinere, kurvenreiche Straße gen Calavino geraten. Es ging ein ganzes Stück bergauf, so dass ich unter regulären Bedingungen zweifellos auch von hier einen wunderbaren Blick auf den See hätte werfen können, doch Wolken und Nebel hatten ihn vor meinen Augen weggezaubert. Zum Glück war die Sicht gerade noch gut genug, dass wenigstens die Antica Trattoria Ponte Oliveti di porta Alice am Ponte Oliveti mit Müh und Not von der Straße aus zu erkennen war, denn wenn ich meine Reise schon stocknüchtern fortsetzen musste, so brauchte ich doch dringend wenigstens einen Cappuccino und ein frisches Croissant al cioccolato, also ein Schokoladenhörnchen, sonst hätte sich in den nächsten Minuten unweigerlich ein Hauch von Trübsinn in meine schöne Urlaubslaune geschlichen.
 
Ohne Hast rollte ich nun gen Süden. Ich war seit zwölf Stunden unterwegs, und mein Tacho zeigte an, dass ich in dieser Zeit 700 Kilometer mit dem Auto zurückgelegt hatte. Noch knapp 30 Kilometer und ich würde am Ufer des Gardasees stehen. In Anbetracht dieser statistischen Betrachtung schoss mir unvermittelt ein Zitat meines geistigen Weggefährten in den Kopf: "Du bist sehr eilig, meiner Treu! - Du suchst die Tür und läufst vorbei."
Gerade hatte ich einen Ort namens Maso Gobbo passiert. Maso ist ein Gehöft oder Bauernhof. Die Vokabel Gobbo kannte ich von "Il gobbo di Notre Dame". Der Bucklige oder bucklig also. Ich murmelte vor mich hin "Buckliges Gehöft" und war mir ziemlich sicher, dass ich hier nichts Wesentliches verpasst hatte. Während ich nun allerdings noch Pietramurata, Drau und Cenica unerforscht hinter mich gelassen hatte, machte sich ein ungutes Gefühl in mir breit. "Wenn du so weitermachst, wirst du am Ende viel unterwegs gewesen sein, ohne etwas gesehen zu haben", warnte mich eine innere Stimme. Vielleicht hatte ich schon ein wichtiges Reiseziel unwiederbringlich verpasst, weil ich ungebremst an Maso Gobbo vorbeigerauscht bin. Gerade ein Literaturreisender wie ich sollte das Bucklige nicht gering schätzen, wie man an Victor Hugos "Glöckner von Notre Dame" unschwer erkennen kann. Ich seufzte, denn nun war es zu spät. Ein Zurück durfte es auf einer solchen Goethe-Fahrt selbstverständlich nicht geben. Ein Zurück kam für mich auch deshalb nicht in Betracht, weil ich als Kind des deutschen Ostens den von Honecker okkupierten Carl-Latann-Marschtitel "Vorwärts immer, rückwärts nimmer" quasi mit der Muttermilch aufgesogen habe. Nun denn, für dieses Mal war es zu spät. Doch weil ich nicht wollte, dass mein Versäumnis zu einer ausgewachsenen Maso-Gobbo-Neurose auswächst, bin ich beim Auftauchen des nächsten Ortsschildes abrupt auf die Bremse getreten und habe einen Parkplatz angesteuert.

27. Januar 2019

Meine Italienischen Reisen (4)

Ebenso wie Goethe bin ich ein enger und zuverlässiger Freund des Rebensaftes. Deshalb ist mir unbegreiflich, dass der Herr Geheimrat auf einen Abstecher nach Padergnone verzichtet haben soll. Vermutlich hat er nur vergessen, den Ort in seinen Aufzeichnungen zu erwähnen. Möglicherweise hat er sich den Lobpreis dieses himmlischen Fleckchens Erde auch aus taktischen Gründen verkniffen, denn man kommt als begnadeter Zecher schnell ins Gerede. Das allerdings riskiere ich gern, denn für jeden Weinkenner ist ein Besuch dieser Wiege der Trentiner Rebenkultur unverzichtbar. In Padergnone soll  immerhin erstmals der in der Karwoche gekelterte Heilige Wein, also der berühmte “Vino Santo”, hergestellt worden sein. Wenn ich diesen Abstecher schon nicht für mich selbst gemacht haben würde, so hätte ich ihn doch auf jeden Fall für jenen Dichter unternommen, aus dessen Feder einst eine meiner zahlreichen Lebensmaximen geflossen ist: "Das Leben ist viel zu kurz um schlechten Wein zu trinken."
 
Bei meiner eigenen Ankunft in Padergnone war es früh am Morgen. Wie ich aufwändig recherchiert habe, soll der Ort am Lago di Santa Massenza liegen und von Bergen umgeben sein. Erkennen oder gar verifizieren konnte ich das allerdings nicht, denn der Blick reichte an jenem Tag nur bis zum tief hängenden Grau des Regens, der hie und da von noch tiefer hängenden, zäh dahinschleichenden Wolkenfetzen unterbrochen wurde. Etwa achthundert Einwohner leben angeblich in diesem Örtchen. Ich hielt also intensiv Ausschau nach Eingeborenen, allerdings habe ich auf meinem einstündigen Rundgang keinen einzigen davon getroffen. Alle Häuser waren verriegelt und verrammelt. Nicht Mensch noch Tier war zu sehen. Die Gassen wirkten wie ausgestorben. Das rechnete ich den Padergnonesi gleich doppelt hoch an. Einerseits spürte ich darin einen bemerkenswerten Akt christlicher Nächstenliebe, denn bei einem solchen Wetter jagt ein barmherziges Wesen keinen Hund vor die Hütte. Andererseits schlug die Turmuhr gerade acht Uhr in der Früh, Zeit also, sich ein letztes Mal im Bett auf die andere Seite zu drehen. Die Menschen dieses Landstrichs teilten offenbar diese, meine Ansicht und standen damit für mich in äußerst angenehmem Kontrast zu meinen eigenen, hektischen und übereifrigen Landsleuten.
Freilich war die Ereignisarmut dieser frühen Stunde bestens geeignet, diese markante Zwischenstation zu vergessen, so wie das ja schon Goethe passiert ist. Um das zu vermeiden, habe ich naturgemäß erneut auf eine Methode des umsichtigen Goethe zurückgegriffen. Dieser soll auf seiner Italienischen Reise immerhin etwa 900 Zeichnungen angefertigt haben. Diese Zahl habe auch ich mir zum Ziel gesetzt, wobei ich auch in diesem Punkt dem Fortschritt Rechnung tragen wollte. In Padergnone ist also meine erste Reisezeichnung entstanden. Es war dieses die weithin anerkannte, sogenannte "Zeichnung des 20. Jahrhunderts", nämlich eine Fotografie. Mein erstes Motiv: Die Chiesa dei santi Filippo e Giacomo. 
Diese kleine Pfarrkirche zu den Heiligen Philippus und Jakobus im historischen Ortskern von Padergnone ist denkbar schlicht und mit einem viereckigen Glockentürmchen versehen. Der Haupteingang ist unspektakulär und  trotz einer kleinen, vierstufigen Freitreppe fast zu übersehen. Allerdings gibt es ein etwas größeres, offenbar unbenutztes Nebenportal, dessen baufällige Treppe eine Gefahr für Leib und Leben darstellt. Über dieser von einem kleinen Vordach geschützten Seitentür entdeckte ich zu meiner Überraschung eine etwas verwitterte, aber doch sehr hübsche Wandmalerei. Ich notiere sie hiermit als meine erste winzige, quasi private Entdeckung, als eine der vielen, in den Touristenführern unerwähnten, historischen Kunstschätzchen dieses Landes. Mögen die neumodischen Touristen von mir aus dem Glanz der großen Kunststädte hinterherjagen. Für mich liegt der wirkliche Charme Italiens in der Fülle reizvoller Details, die sich noch in den kleinsten Orten finden. Selbst bei miserablem Wetter.
Zu dieser frühen Stunde freilich waren Haupt- und Nebenpforte der Chiesa fest verschlossen, so dass ich mich weder über einen Blick ins Kircheninnere noch über eine kurze Flucht aus der kalten Nieselluft freuen konnte. Vom mediterranen Klima war an diesem Tag nichts zu spüren. Ich kann deshalb bis heute nicht recht glauben, dass ausgerechnet Padergnone als Wiege der Trentiner Rebenkultur gilt. Eingedenk meiner klammen Finger hätte ich eher darauf getippt, dass die Bauern dieser Gegend auf Grünkohl setzten, dem ein paar Minusgrade weit weniger schaden.

27. Januar 2019

Antwerpener Bartzwerge

Geflügelausstellungen sind für Lokalreporter nicht immer der ganz große Renner, aber heute muss ich doch mal eine Lanze für die angeblich so dummen Hühner brechen.

Ich habe gerade über eine Sonderschau in Aue-Alberoda geschrieben. Dort wurden Antwerpener Bartzwerge ausgestellt. Die Züchter haben zu meiner Verblüffung vor allem den Charakter der Tiere über den grünen Klee gelobt. Naja, Züchter sind von ihrer Rasse ja immer kolossal begeistert, das will also noch nichts heißen. Allerdings hab ich so zutrauliches Federvieh wirklich noch nicht erlebt: Einer ist mit einem Antwerpener auf der Schulter in der Ausstellung herumgelaufen, andere haben die Tiere Kindern auf den Arm gegeben - und sogar ich hab das herrlich weiche Gefieder der Hühner mit großer Begeisterung gestreichelt. - Das ist mal ne neue Erfahrung: Geflügelausstellungen können richtig Spaß machen!

 

20. Januar 2019

Meine Italienischen Reisen (3)

Bis zum Brennerpass hatte ich mich zum Glück wieder halbwegs eingekriegt, so dass ich dort pünktlich, nämlich unmittelbar beim Grenzübertritt, die ersten wissenschaftlichen Daten meiner Goethe-Gedenkreise eingesammelt habe. Es waren dies Angaben zur Witterung. Immerhin wusste unser Dichterfürst noch das größte Mistwetter in sehr poetische Worte zu kleiden. Ich erinnere dabei nur an den bekannten Spruch "Lass regnen, wenn es regnen will, dem Wetter seinen Lauf; denn wenn es nicht mehr regnen will, so hört's von selber auf". Notiert hat diese Weisheit zwar Johann Caspar Lavater, aber da kein Mensch diesen Herrn kennt, ist es eine völlig legitime literarische Verdichtung, sein Zitat Herrn Goethe zuzuschreiben. Immerhin hat Herr Lavater den Spruch nach einer gemeinsamen Bootsfahrt mit Herrn Goethe in sein Notizbuch geschrieben. Er ist also tatsächlich beinahe von Goethe.

Es gibt freilich noch triftigere Gründe, sich auf einer Italienischen Reise mit dem Wetter zu beschäftigen. Nicht von ungefähr hängt auch in Zeiten von Online-Wettervorhersagen und Hightech-Funkwetterstationen in jedem geordneten Haushalt noch immer ein Goethebarometer. Herr von Goethe hatte ein solches Wetterglas in seinem Schlafgemach, denn er war ja ein begnadeter Meteorologe. Deshalb wurde er vor über 200 Jahren, nämlich um etwa 1810, von Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach damit beauftragt, das erste Messnetz für Wetterbeobachtungen in Deutschland aufzubauen. Das Projekt ist zwar gescheitert, aber das soll mich nicht daran hindern, mit eigenen Daten an Goethes Essay „Versuch einer Witterungslehre“ zu erinnern. So kann ich mit Freude berichten, dass meine Fahrt von Anbeginn unter einem günstigen Stern stand, denn just am Brenner fühlte ich mich mit Goethe ganz eins. Jener hatte zu diesem markanten Zwischenstopp am Beginn seiner Italienischen Reise notiert: "Es war eine Kälte, wie sie nur im Februar erlaubt ist." Dieser Einschätzung konnte ich voll und ganz zustimmen. Und mehr noch: Das Thermometer auf dem Armaturenbrett erlaubte mir, der Temperatur einen Namen zu geben. Es waren acht Grad Celsius, wobei die gefühlte Temperatur minus acht Grad um kein lächerliches My überschritten hat.

Ich hatte nun zwar noch keinen Fuß, aber immerhin schon vier pneumatische Reifen auf Italiens Boden gesetzt. Doch ich war zu diesem frühen Zeitpunkt meiner Reise schon guten Mutes, dass ich jene Italienische Reise, die Herrn Goethe anno 1786 noch volle neun Monate gekostet hat, in exakt jenen 14 Tagen würde absolvieren können, die mir für dieses Unterfangen zur Verfügung standen. Die erste Etappe jedenfalls habe ich in fünf Stunden hinter mich gebracht. Goethe hatte dafür fünf Tage benötigt. Nach einem kurzen Nickerchen auf einer der ersten Rastplätze auf italienischer Seite bin ich nun also das Eisacktal und das Etschtal hinabgesaust, und ohne Weiteres hätte ich, wie mein Vorbild bis hinunter nach Rovereto hasten können. Doch ich wollte zunächst wenigstens einen Hauch meiner eingesparten Zeit nutzten, um die schlimmsten Versäumnisse meines Vorgängers nachzuholen. Ich habe also die A22 in Trient verlassen und bin die rund sechzehn Kilometer auf der Strada Statale 45 bis nach Padergnone gefahren.

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© Cristina Zehrfeld