Cristina Zehrfeld - Freie Journalistin und Autorin
Cristina Zehrfeld - Freie Journalistin und Autorin

22. März 2019

Meine Italienischen Reisen (10)

"Die innigsten Verbindungen folgen eigentlich nur aus dem Entgegengesetzten", meinte einst Herr von Goethe. Und so ist es nur selbstverständlich, dass ich der tosenden Wildnis des Wasserfalls ein möglichst stilles Gewässer entgegensetzen musste, ehe ich die von meinen Artgenossen so hochgeschätzte Klinikstadt Riva aufsuchen konnte.
Ich fuhr also ein Viertelstündchen gen Tenno. Es war bereits Abend, so dass ich entschied, hier zu übernachten. Das mittelalterliche Dorf Canale di Tenno rechtfertigt mit seinen Gässchen, Bogengängen, den winzigen Häuschen und Innenhöfe aus dem 13. Jahrhundert einen Stopp schon hinreichend. Allerdings habe ich darüber hinaus zufällig auch noch einen Botanischen Weg gefunden, der, wie ich mit Bewunderung feststellte, seinen Namen mit kaum zu übertreffender Berechtigung führt. Auf den ersten Metern war das noch nicht offenkundig. Doch kaum hatte ich die letzten abgelegenen Gehöfte hinter mir gelassen, wurde der Weg zu einem wahrhaft botanischen Pfad, dem zu folgen mir nur mit der Intuition des geborenen Pfadfinders gelang. Das Grün des Weges reichte bis an meine Knie, links und rechts davon erreichten die Gräser Hüfthöhe. Die Büsche beugten sich von allen Seiten zu mir herab, um mir die Stirn zu küssen. Verwitterte Wegweiser und bemooste Themenschilder versicherten mir nachdrücklich, dass ich mich in einer ausgewiesenen Urlauberhochburg befand und mich keinesfalls in den unwirtlichen Tiefen der Dolomiten verlaufen hatte. Dennoch fragte ich mich besorgt, ob sich mein Verzicht auf ein professionelles Outdoor Survival Set heute bitter rächen würde. Tatsächlich hatte ich kaum mehr als eine kärgliche Wasserflasche für diesen Abenteuertrip in meinen Rucksack gepackt. Zum Glück allerdings zeichnen sich  Botanische Rundwege in aller Regel durch ihre überschaubare Länge aus. Mit dem letzten düsteren Dämmerlicht des Abends bin ich gerade noch rechtzeitig auf die menschlichen Behausungen des Ortes gestoßen. Der Ort Tenno wird für mich dennoch in ewiger Erinnerung bleiben, als jeder Flecken Erde, an dem mir bewusst geworden ist, wie nahe manchmal überlaufener Touristenmagnet und unentdeckte Idylle beieinander liegen.
 
In aller Herrgottsfrühe bin ich gen Tennosee aufgebrochen, denn entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten, befällt mich auf Reisen bereits mit dem sanften Entschwinden der Nacht eine mir sonst völlig fremde Unruhe. Es ist geradezu, als säuselte mir Goethe ständig ins Ohr "Jeder Augenblick ist von unendlichem Wert". Gerade an diesem Morgen war dieses Säuseln eine ziemliche Unverschämtheit, denn der Himmel war wolkenverhangen und das Thermometer zeigte nur kümmerliche acht Grad Celsius an. Daheim wäre mir das Grund genug gewesen, dem Bett bis Mittag die Treue zu halten.
So allerdings hatte ich bereits acht Uhr morgens den vereinsamten Parkplatz des Sees erreicht. Ich durfte mir den besten der rund hundert freien Parkplätze auszuwählen, was an sich nicht schlecht ist. Wenn man allerdings das erste und vorerst einzige Auto an einem solchen Platz abstellt, kommt unwillkürlich das ungute Gefühl auf, man sei an einem extrem unspektakulären Ort, für den sich, drastisch gesagt, keine Sau interessiert. 
Eine lange Treppe führte an den Lago di Tenno hinab, der in diesem Moment tatsächlich malerisch und verlassen dalag. Pflichtbewusst lichtete ich den Bergsee mit den sich darin spiegelnden Wolken und Bergen ab. Dann brach ich zu einer See-Umrundung auf. Ich war kaum fünf Minuten unterwegs, als es anfing zu nieseln. Damit war ein wesentlicher Aspekt der viel gepriesenen, einzigartigen Schönheit des Tenno passé. Die tausenden Tröpfchen verwandelten die 45 Hektar Wasserfläche in eine überdimensionale Pfütze. Der Tenno wirkte wie ein gottverlassener, weil komplett überschwemmter Parkplatz. Absolut gar nichts spiegelte sich in dieser Wasserlache und ganz gewiss durfte man annehmen, dass man es mit ein paar gewagten Sprüngen bis ans gegenüberliegende Ufer schaffen konnte, wenn man sich nicht vor nassen Knöcheln scheute.
Ich schaute zurück und sah vis-a-vis ein schwer beladenes, dunkelgrünes Regencape in entgegengesetzter Richtung am Wasser entlang stapfen. Es war kein Hingucker. Mich amüsierte die Vorstellung, dass ich in meinem lilafarbenen Allwetteranorak ein ähnlich trostloses Bild abgab. Unternehmungslustig watete ich weiter auf dem zunehmend glitschigen Weg, denn völlig unerwartet hatte sich der Reiz der Einzigartigkeit in diese hochgradig urlaubsuntypische Szenerie geschlichen.
Ich querte den Rio Secco und holte mir, wie der Name "Trockener Bach" schon verheißt, nicht einmal nasse Füße. Allerdings war das mitnichten auf die Wassermenge und Qualität dieses Tenno-Zuflusses zurückzuführen. Ganz im Gegenteil war es einzig und allein der Elastizität und Sprungkraft meiner leistungsfähigen Achillesfersen zu verdanken.

10. März 2019

Meine Italienischen Reisen (9)

Zunächst ging es auf der SS45 bis Riva. Bei einem Kreisverkehr nach rechts auf die SS421 und ehe ich mich versah, war ich da. Wider Erwarten hatte ich nicht einmal Gelegenheit gefunden, mich zu verfahren. Selbst von den am weitesten entfernten Parkplätzen sind es kaum hundert Meter Fußweg zur Cascato de Varone. Es ist ein spannendes Wegstück, wenn man sich auf dem gepflasterten Pfad vorstellt, dies sei ein Zeitstrahl und die vorbeigehenden Menschen seien jede Leute, die man auf diesem Strahl gern hier getroffen hätte. Ich lege meinen Startpunkt also auf den 20. Juni 1874. Die Cascato de Varone wird heute eröffnet. Es ist ein Riesenandrang. Alle wollen einen Blick auf den anwesenden Ehrengast werfen. Ich stelle mich auf die Zehenspitzen und sehe von Weitem den Prinzen Nikola von Montenegro. Gleich darauf springe ich erschrocken zur Seite: Beinahe wäre ich mit Kaiser Franz Joseph zusammengestoßen, dessen Cousin Erzherzog Albert von Habsburg jüngst das Arboreto in Arco angelegt hat. Vor Schreck mache ich einen Knicks und denke unwillkürlich, dass ich ohne diesen Cousin des Kaisers heute keinen Kurt-Benedict im Teich gesehen hätte. Ich will weitereilen, stoße aber nur ein paar Zeitmeter weiter mit einem etwas zugeknöpften Herrn zusammen. Es ist der junge Thomas Mann, der gerade etwas in sein Notizbuch schreibt. Ich bin im Jahr 1901 angekommen. Herr Mann erzählt, dass er derzeit im Sanatorium in Riva weilt, und dass sein Arzt, Dr. Christoph von Hartungen ihm ausgedehnte Spaziergänge verordnet habe. Er steckt jenes Notizbuch ein, dessen Inhalt über 20 Jahre später in seinen Roman „Der Zauberberg“ einfließen wird. Den Wasserfall beschreibt er dort: „Die Besucher waren dicht herangetreten auf schlüpfrigem Felsengrunde und betrachteten, feucht angeatmet und angesprüht, in Wasserdunst eingehüllt, die Ohren überfüllt und dicht verpolstert vom Lärm, dazu Blicke tauschend und mit verschüchtertem Lächeln die Köpfe schüttelnd, das Schauspiel, diese Dauerkatastrophe aus Schaum und Geschmetter, deren irres und übermäßiges Brausen sie betäubte, ihnen Furcht erregte und Gehörstäuschungen verursachte. Man glaubte hinter sich, über sich, von allen Seiten drohende und warnende Rufe zu hören, Posaunen und rohe Männerstimmen.“ Ich will diese Angaben unverzüglich überprüfen, schreite also auf den restlichen 100 Jahren meines Zeitstrahles zügig voran. Nur aus den Augenwinkeln sehe ich den schmächtigen Franz Kafka, der 1913 ebenfalls vom Sanatorium Riva aus hierher gekommen ist, den gerade erst zwanzigjährigen italienischen Thronerben Prinz Umberto II., dem ich 1924 scheu ausweiche und den Dichter Gabriele D'Annunzio, der gerade um ein Autogramm gebeten wird und seinen Namen mit flottem Strich ergänzt um dem Zusatz "L'uomo del turbine e dell'acqua", zu deutsch „Der Mann der Turbinen und des Wassers“. Nun endlich höre ich die Gewalt des Wassers und trete in übersättigte Wasserschwaden. Ich bekomme feuchte Augen und ein feuchtes Gesicht, feuchte Hände, Haare, Schuhe und überhaupt bin ich in wenigen Augenblicken die personifizierte Feuchtigkeit. Dann endlich habe ich den Wasserfall dann auch tatsächlich vor Augen. Nicht einen Gedanken verschwende ich daran, diese urgewaltige Szenerie im Bild festzuhalten, denn das wäre gewiss das selige Ende meines Fotoapparates. 
Nach dem Besuch der Aussichtspunkte in der unteren und oberen Schlucht hätte man mich unter normalen Umständen wie ein dickes Bettlaken aufhängen und wenigstens zwei Tage von Wind und Sonne trocknen lassen müssen. Allerdings war es ja zum Glück noch immer hundsföttisch kalt, so dass nur meine Jacke und die Mütze, die Hose und die Schuhe triefnass waren, ich selbst darunter allerdings beinahe trocken geblieben bin. 
Eine adäquate Beschreibung dieses Ereignisses ist nun allerdings unmöglich, wenn man nicht zufällig Thomas Mann heißt. Doch zum Glück gibt es vor dem von Giancarlo Maroni entworfenen Eingangsgebäude einen Souvenirshop. Ich habe dort sehr lange gestöbert und gesucht, weil ich das italienische Wort für Leporello nicht wusste, und also mein Begehr nicht vortragen konnte. Aber am Ende habe ich es doch gefunden: Ein Leporello mit zwölf Aufnahmen der Cascato de Varone, von denen keine einzige die beispiellose Wucht des Spektakels angemessen wiedergibt. Gekauft habe ich das Leporello trotzdem, denn wenngleich die Sammelleidenschaft bei mir nicht besonders ausgeprägt ist, kann ich mich doch schon beinahe als Sammler dieser faltbaren Fotoserien bezeichnen. Wie es bei mir zur Vorliebe für diese spezielle Form des Reiseandenkens gekommen ist, kann ich nur mutmaßen. Vermutlich ist mein Opa Schuld, aus dessen Nachlass ein halbes Dutzend Leporellos in meine Hände geraten sind. Diese schwarzweißen Grundsteine meiner Sammlung stammten aus für mich seinerzeit unerreichbaren Orten wie Verona und Florenz, hatten also etwas Exotisches. Dem habe ich im Laufe der Jahre weniger Exotisches hinzugefügt, nämlich hunderte Leporellos aus der gesamten DDR von Annaberg bis Zinnowitz. Inzwischen freilich tragen diese vermeintlich unspektakulären Mitbringsel ohne mein Zutun die Patina eines untergegangenen Staates. Ich wusste also sehr gut, dass so eine Sammlung sehr schnell interessant werden kann, wenn nur ein paar völlig unvorhersehbare Ereignisse diese Entwicklung begünstigen. Nun jedenfalls hatte ich meiner Sammlung ein Leporello "Parco Grotta Cascata Varone" hinzugefügt. Damit hatte ich auch mein erstes Souvenir im Kofferraum verstaut, würde mich also keinesfalls mit leeren Händen nach Hause begeben.

4. März 2019

Meine Italienischen Reisen (8)

Es ist sehr viel leichter, vom rechten Weg abzukommen, als wieder auf ihn zurückzufinden. Auch auf eine so klar definierte Reise, wie die meine trifft das zu. Das Verhängnis nahm nun seinen Lauf, und dies aus dem einfachen Grund, dass es in Arco eine Touristeninformation gibt. Solche Auskunftsstellen sind bestens geeignet, dem Reisenden in die Bredouille zu bringen und ihm schlimmste Gewissensbisse zu bereiten. Hochglänzende Faltblättchen und Heftchen, Karten und Kataloge ersetzen dort den erhobenen Zeigefinger, der dem unbedarften Urlauber streng daran erinnert, dass das Vergnügen auf Reisen nur eine angenehme Begleiterscheinung darstellt. Den Hauptgrund für solche Unternehmungen hat Goethe (wer auch sonst) definiert: "Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen."
Nun stellt die Bildung unserer Tage allerdings ganz andere Forderungen, als zu Goethes Zeiten, oder wie ich immer gern zu meiner Entschuldigung sage: Goethe hatte es leicht, der konnte unbeschwert anfangen zu schreiben. Der musste ja nicht vorher all die Werke von Goethe lesen, ohne deren Kenntnis man inzwischen als hoffnungsloser  Literatur-Banause gilt. Von Goethe hat niemand erwartet, dass er Heines "Deutschland. Ein Wintermärchen" kennt, oder Büchners "Woyzeck", oder gar Nietzsches Zarathustra. Goethe konnte einfach drauflos fabulieren, ohne darüber zu Grübeln, ob er je an die Qualität eines Thomas Mann oder Thomas Bernhard herankommt. Er konnte seine "Italiänische Reise" zu Papier bringen, ohne sich vorher mit Klassikern  der Reiseliteratur wie Mark Twains "Bummel durch Europa" oder gar mit brandneuen Regeln der deutschen Rechtschreibung abzuplagen. Ich allerdings trug nicht nur einen Rucksack der in unzähligen Lesekanons nutzlos zusammengestellten Notwendigkeiten mit mir herum. Auch die Zahl der unvermeidlichen Reiseziele hatte sich seit Goethe verzigtausendfacht. Goethe wollte hauptsächlich die griechisch-römischen Kultur Italiens vom norditalienischen Verona bis Agrigent auf Sizilien kennenlernen. Trotz dieses übersichtlichen Zieles allerdings hat Goethe eine Wegmarke wie den Gardasee recht stiefmütterlich behandelt hat. Das macht wahrlich keinen guten Eindruck. Okay, Goethe war in Torbole und Malcesine, er ist ein bisschen übern See geschippert, hat von weitem einen Blick auf Limone geworfen. Aber eine der markantesten Überreste der griechisch-römischen Kultur Italiens hat er eben bei dieser günstigen Gelegenheit allerhöchstens von Weitem gesehen, vermutlich gar nicht, denn sonst hätte er gewiss ein Riesenbrimborium darum gemacht. Die einzigartige Grotte di Catullo nämlich, die im 1. Jahrhundert nach Christus auf der Halbinsel von Sirmione erbaut wurde, hat er mit keinem Wort erwähnt. Freilich ließe sich einiges gegen die Grotte des Catull hervorbringen. Dass es gar keine Grotte ist, zum Beispiel, sondern die Ruine einer römischen Villa. Oder auch, dass Goethes Dichterkollege Gaius Valerius Catullus,  nachdem die Grotte großspurig benannt wurde, de facto rein gar nichts damit zu tun hat. Die Gemäuer wurden schließlich erst nach seinem Tod erbaut. Aber so oder so frage ich mich doch: 
Wenn Herr Goethe nun schon solch eine Perle griechisch-römischen Kultur weglässt - was hat er dann noch alles ignoriert? Goethe-Tour hin oder her: Solcher unverzeihlicher Versäumnisse wollte ich mich nicht schuldig machen, denn auch wenn der Dichterfürst höchstselbst sie begangen hat, bleiben es doch Versäumnisse. Deshalb habe ich mich unverzüglich zu einem nur sieben Kilometer entfernten Ziel auf den Weg gemacht, welches in unglaublich vielen Prospekten in allerhöchsten Tönen gelobt wird: Die Cascato de Varone, ein 98 Meter hoher Wasserfall, der nicht nur von Werbefachleuten, sondern erstaunlicherweise auch von glaubwürdigen, wenn auch längst von uns gegangenen, hochrangigen Experten als einzigartiges Naturphänomen gerühmt wird.
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© Cristina Zehrfeld